Halt hoch das Haupt was dir auch droht und werde nie zum Knechte. Brich mit den Armen gern dein Brot und wahre deine Rechte! Treib nicht mit heiligen Dingen Spott und ehre fremden Glauben und lass dir deinen Schöpfer und Gott von keinem Zweifler rauben.
Sieg oder Spott, folg deinem Gott!



Donnerstag, 5. Juli 2012

Der Hellweg

Es gibt Straßen und Wege, die nicht nur mehr oder weniger kurze, oder mehr oder weniger umschweifige Verbindungen von dem einen Ort zum anderen sind, sondern denen im Laufe der Zeit eine solche Bedeutung zugemessen ward, daß sie schließlich entsprechende Namen erhalten hatten. Ich denke dabei an die Bernsteinstraße, welche nach der Art der Waren, die auf ihr befördert wurden, einmal ihren Namen erhalten hatte, oder an die romantische Straße, oder die Bergstraße bei uns in Hessen, welche nach dem Landschaftsbild oder nach der Stimmung derselben, welche sie durchziehen, so benannt worden waren. Wieder andere aber werden mit einem Mythos in Verbindung gebracht. Am bekanntesten hierfür ist wohl die Nibelungenstraße, wie sie ebenfalls bei uns in Hessen durch den Odenwald führt.
Zu den letzteren, den mythischen Straßen, gehört nun aber auch jene Straße, der wir uns heute zuwenden wollen; die wir im Geistigen beschreiten wollen. Sie war vor langer Zeit wohl auch nur ein schlichter Weg, wie so viele unserer heutigen Straßen, und somit wird diese Straße auch heute noch: „der Hellweg“ genannt.

Ein Name, der gewiß besonders uns anspricht. Dabei ist dieser Hellweg aber nur die Teilstrecke einer einst weitreichenden Straße vom Westen nach Osten. Westlich Dortmunds beginnend, erreicht diese Straße Soest, Paderborn, Hameln, Hildesheim, Braunschweig, Magdeburg, Potsdam, ja Berlin. Von dort zieht sie weiter nach dem Osten, der Oder zu, und führt dabei auch an den Seelower Höhen vorbei. Jener Opferstätte einer gewaltigen und verlustreichen Schlacht, bei der, Mitte April 1945 noch, den Sowjets der Zugriff auf die Reichshauptstadt verwehrt werden sollte. Bei Küstrin an Oder und Warthe muß sie unser heutiges Staatsgebiet verlassen. Küstrin!..., wir erinnern uns, dort wurde der noch junge „Alte Fritz“ tatsächlich zu dem – Alten; als er der Enthauptung seines Freundes zusehen mußte. Für dessen Vergehen aber doch vorwiegend er die Schuld sich zuzuschreiben hatte. Vor unserer Niederlage aber führte diese Straße noch weiter nach dem Osten, bis nach Königsberg in Preußen.
Bei einer derartigen, Entfernungs- und Richtungsspanne, Ost – West, West – Ost, wird es schon verständlich, daß diese Reichsstraße bei ihrer Nummerierung die Ziffer 1 erhalten hatte. Eine Ziffer, die ihr als Bundesstraße 1 auch im übrig gebliebenen Staatsgebiet erhalten geblieben ist.
Nun aber: „Der Hellweg“. Wie bereits gesagt, ist er jene Teilstrecke der Straße 1, welche durch die Soester Börde führt, der Wasserscheide zwischen Ruhr und Lippe. Und von dieser Strecke Weges wird berichtet, ähnlich der Nibelungenstraße, daß sie durch einen Boden führt, „über dem die Sage spinnt“. Und gleich dem Nibelungenlied weiß diese Sage von sehr ernsten Dingen zu erzählen. Kündet sie doch von nichts geringerem, als daß eben auf diesem Boden einmal die Entscheidungsschlacht der Völker ausgetragen werden soll: Am Hellweg!!!!
Überreste des Hellwegs im Teutoburger Wald

Diese Kunde wiederum mag dem Dichter Erwin Guido Kolbenheyer („Wer kann unsere Seele töten? ...“) bestimmt haben, dem letzten Spiel seiner Tetralogie „Menschen und Götter“ den Titel „Der Hellweg“ zu geben. Und ich muß dazu jetzt gestehen, daß auch ich selber erst durch das Lesen dieses Dramas auf die landschaftliche Wirklichkeit dieses Weges gestoßen wurde. Ein gleiches auch zu dem Wort Tetralogie, ein nicht allzu gängiges Fremdwort im Theaterwesen und in der Literatur. Für die, die es noch nicht gehört haben sollten: Tetralogie wird die zusammengehörende Aufeinanderfolge von vier Schauspielen genannt. So wie Wagners „Ring der Nibelungen“ aus vier aufeinander folgenden, jetzt freilich Musikdramen, besteht; wobei die einzelnen Aufführungen bei ihm „Abende“ genannt werden.

Dieses Vierspiel „Menschen und Götter“ führt wiederum einen Titel, der uns als artreligiöse Menschen anspricht; nicht zuletzt durch die unmittelbare Nebeneinanderstellung von Menschen und Göttern. Es kennzeichnet doch geradezu unseren Artglauben, daß das Gotterlebnis, die Vorstellung von Gott, eng mit der Art der Menschen verknüpft ist: „Wie einer ist, so ist sein Gott“ sagte dazu Goethe, und hieran fügt sich nahtlos das Mensch-Gott-Verhältnis Chamberlains an. (Houston Stewart Chamberlain, nicht Neville Chamberlain, der Kriegspremier Englands, der uns am 03.09.39 den Krieg erklärte.)

Houston Stewart Chamberlain, der Schwiegersohn Richard Wagners, hat in seinem fast gleichnamigen Buch „Mensch und Gott“ (hier beide eben in der Einzahl) die religiöse Beziehung des Menschen zu dem „Höherstehenden“ gleichfalls als ein: „Paariges“ beschrieben: „Der Gedanke Mensch weist vom allerersten Augenblick an, in welchem er gedacht wird, aus dieser Welt hinaus in eine andere, wogegen der Gedanke Gott jene geahnte andere Welt in diese sichtbare einbezieht.“ Damit ist hier der deutlichste Unterschied zu den drei Buchreligionen ausgesprochen, wo Gott grundsätzlich außerhalb der Menschen, ja jeglicher Lebewesen, der Erde, ja sogar außerhalb der Sterne, des Alls, steht.

Wie gesagt, die Betonung liegt hierbei: Wie (!) die Beziehung zu einem Höheren, Reineren zu einem uns Erschauern-lassenden gedacht wird. Denn halten wir immer daran fest: Götter sind Gedankengestalten der Menschen. Aber wir tun gut daran, dieses Inbild des Höheren und Reineren in uns hoch zu halten, es uns zum Vorbild werden zu lassen, dem nachzueifern gilt! In unsers Busens Reine wogt ein Streben Sich einem Höhern, Reinern, Unbekannten Aus Dankbarkeit freiwillig hinzugeben. Enträtselnd sich dem ewig Ungenannten. Wir nennens: Frommsein! Goethe

Eine solche Hingabe entzieht uns nicht dem Leben und Streben hier auf Erden und entzieht uns auch nicht der Bindung an die Gemeinschaft, noch steht sie im Gegensatz zu der Mahnung Nietzsches:

Bleibt mir der Erde treu, meine Brüder, mit der Macht eurer Tugend!

Dieses goethesche Frommsein heißt uns: Hinauswachsen über sich selbst, hineinwachsen in das große Ganze über uns, in unsere eigene Art! Das zunächst als einen Vorspann zu der Dramenreihe: „Menschen und Götter“. Von ihr wird nun im Weiteren noch oft die Rede sein. Warum aber, diese Frage stellt sich zudem noch, habe ich diese Dramenreihe nur gelesen und nicht, wie es Schauspielen zukommt, auf der Bühne gesehen und gehört?

Dieses Auseinanderklaffen führt uns, wie bei so vielen anderen heutigen Seltsamkeiten im Leben unserer Art, in die Zeitgeschichte. Deshalb soll auch von ihr nun dazu einiges erzählt sein.

Als die letzten Seiten am vierten Spiel dieser Dramenreihe geschrieben wurden, am „Hellweg“ also, strebte auch der Bombenkrieg über unserem Lande seinem grausigen Höhepunkt zu; eine Stadt nach der anderen, zumindest in ihren Innen- und somit ihren Hauptbereichen, sank in Trümmer. Dieser zeitliche Zusammenfall stellt dabei so etwas wie ein Zeichen dar. Denn bei einem Angriff dieser Offensive auf München wurde auch, in dortiger Vorstadt, das Haus des Dichters getroffen. Wobei es hier aber noch ein wenig Glück im Unglück gab, indem das Haus nur einen Teilschaden erlitt. Trotzdem, der Dichter war aufgeschreckt; es rührten die Sorgen ihn nun gleich in mehrfacher Weise. Da war zunächst die unmittelbarste Sorge, die um das nackte Leben, wozu gewiß nicht nur seines, sondern auch das der Seinigen gehörte. Da blieb die weitere Sorge um Haus und Hof – der überwiegende Teil war ja stehen geblieben; und dazu kam nun aber auch noch die Sorge um das eben fertig gestellte Werk. Daß es nicht vernichtet würde, noch bevor es vor die Augen eines Lesers gebracht war. Aber dazu mußte es vorher auch gedruckt und gebunden sein; und gerade dies hatte in jener Zeit seine Hindernisse.

Der Krieg und vor allem die Kriegsschäden hatten im Reich längst einen Mangel an allem und jedem gebracht, darunter auch den an Papier und Druckereimittel. Diese wurden jetzt fast ausschließlich nur für staatlichen oder wehrmäßigen Bedarf zur Verfügung gehalten. Ein schöngeistiges Buch, und mochte es auch noch so treugesinnt und volksfördernd sein, konnte zu dieser Zeit einfach nicht mehr hergestellt werden. Aus diesem Engpaß half dem Dichter schließlich seine Verbindung nach Böhmen. Böhmen war zu dieser Zeit noch eine Insel des Bewahrten und Erhaltengebliebenen inmitten eines Meeres von Zerstörung. Dort gab es zwar auch die in allen europäischen Ländern eingeführte Bewirtschaftung von Lebensmitteln, Bekleidung und Gebrauchsgegenständen, aber bei Papier, Druckereien und Bindereien gab es doch einen gewissen Freiraum für privaten Bedarf. Auch war der Dichter ja Karlsbader, also Sudetendeutscher, und somit nicht landesfremd. Dazu kam noch ein weiteres: Der dort amtierende deutsche Staatsminister für Böhmen und Mähren war ihm von Jugend an bekannt. Der Vater des Ministers war einstmals sein Volksschullehrer, und der Minister selbst wiederum war ein Kenner und Verehrer seiner Dichtwerke. Dieser las während einer Dienstreise dann auch die Texte und beschloß sofort, diese Dramenreihe vor einer Vernichtung zu bewahren. Einen Privatdruck in geringer Auflage (350 Stück) vermochte er noch zu ermöglichen – und sogar in einer für die damaligen Kriegsverhältnisse recht ansehnlichen Ausstattung, so daß heute der Besitzer eines solchen Bandes dieser kurzen Reihe eine bibliographische Rarität in seinen Händen hält.

Um heutigen Darstellungen zu solcherart Fällen entgegenzutreten, dieser Privatdruck wurde auf des Dichters eigene Kosten hergestellt. Er besaß von seinen früheren Arbeiten bei böhmischen Verlagen noch ein gutes Habenkonto auf einer dortigen Bank und vermochte somit die Rechnung in Landeswährung zu bezahlen.

Auf diese Weise ward denn „Menschen und Götter“ in wenigen Wochen gesetzt, gedruckt und gebunden, so daß seine Textbücher noch vor Weihnachten aus Böhmen mit der Post an die Freunde in die verschiedenen Gaue des Reiches gingen. Verteilt in alle Richtungen, fanden einige sogar ihren Weg ins neutrale Ausland.

Die gänzliche Vernichtung des Dramenwerkes war somit gebannt. Gebannt in einer Zeit, der man wohl selbst eine Dramatik kaum absprechen kann. Denn wie soeben erzählt, mittlerweile war die Vorweihnachtszeit im vorletzten Kriegsjahr gekommen, die Winterhälfte des Jahres 44. Es sollten dies die letzten Weihnachten in einem noch freien deutschen Lande werden, auch wenn der weihnachtliche Rahmen und die Gaben auf den Tischen noch so bescheiden gewesen sein mögen. Das Reich, und somit unser Volk, hatte zu dieser Zeit noch einmal all seine verbliebenen Menschenkräfte und all seinen restlichen Bestand an Material und Bewaffnung zusammengerafft, dem Rundumansturm der Feinde zu begegnen. Die Zahl der bisher Gefallenen hatte die der zwei Millionen wahrscheinlich schon überschritten; die Innenstädte mit ihren Wohn- und Geschäftshäusern, den öffentlichen Gebäuden und Bahnhöfen, manche darunter als besondere Sehenswürdigkeiten, waren Trümmerhaufen oder Ruinen. Vaterlos gewordene Familien, Frauen mit ihren Kindern, lebten in den Kellern ihrer darüber gestürzten Häuser.

Unter solch verzweifelten Bedingungen und unter einem winterlich graudüsteren Himmel war es, als das letzte Aufgebot noch einmal antrat zur Ardennenoffensive und anschließend zur Verteidigung des Reichsgebietes, der Heimat eines jeden. Noch einmal sei in diesem Zusammenhang an die Verteidigung der Seelower Höhen erinnert als ein leuchtendes Beispiel unter den vielen. Es offenbarte sich noch einmal ein Bestandwille, wie er wohl nur schwer einen geschichtlichen Vergleich finden dürfte.

Und dies ist eben jenes „Zeichen“, auf welches ich vorhin bei meiner Schilderung der Bombengreuel schon gewiesen hatte, daß gerade in diesen Wochen verzweifelter Abwehr dieses Dramenwerk seinen Weg zur Nachwelt finden konnte. Auf daß die Nachgeborenen, welche ja in unserer Gemeinschaft längst die Überzahl bilden, sich eben auch anhand dieses Druckwerkes, an seinem verschlungenen und nie ohne Gefahr durchlaufenen Weg, ein leidliches Bild machen können, unter welch Bedrängnissen, Sorgen und Gefahren, ihre Groß- und Urgroßväter zu jener Zeit, selbst wenn sie Dichter waren, ihr Tag- und bei Dichtern sprechen wir wohl besser von ihrem Lebens-Werk, zu verrichten hatten. Den nachfolgenden Zusammenbruch und das erste anderthalb Jahrzehnt der Nachkriegszeit hatte der Dichter noch erlebt. Sein Haus, notdürftig wieder instand gesetzt, wurde, wie damals gang und gebe, von der Besatzungsmacht beschlagnahmt. In einer Bleibe, ausgegrenzt und verfemt, schrieb er seine Lebenschronik, welche den bezeichnenden Untertitel trägt: „In Simulationen“ – gegen die Heuchelei. In diesem Bericht über sein Leben und seine Zeit fand ich, hinaus über eine treffende Geschehens- und Bestandsaufnahme der Kriegs- und Nachkriegsverhältnisse, den bemerkenswerten wie auch beherzigenswerten Satz: „Es ist keine Verzichtsleistung, ein Werk der Nachwelt überlassen zu müssen.“ Der Dichter setzte also auf die Kommenden!

Er war sich infolge strenger Selbstkritik über seine Leistung klar: „Eine geläuterte Zukunft, die schon den Enkeln angehört, wird entscheiden, welcher Wert seinem Lebenswerk in der deutschen Dicht- und Gedankenwelt zukommt.“

Inzwischen sind fürwahr schon Enkel nachgewachsen; wenn auch die erhoffte Läuterung von der kulturellen und sittlichen Verwahrlosung mehr als nachhinkt. Aber, es sind Enkel nachgewachsen; und unter ihnen auch solche, die der verordneten Geisteshaltung des Westens (als Sammelbegriff für: Gleichheitswahn, nur Nutzen, Lust und Gewinn), überdrüssig sind; sich diesen Vorgaben entziehen. Enkel, die wieder nach Sinn und Herkommen fragen, die verspüren, daß es für sie lebenswichtiger ist, die „Heimat ihres Wesens zu finden“.

Hiervon angerührt, stieg in mir, als ein Alter in unserem Glaubensbund, und dem zudem noch die Gedankenwelt Kolbenheyers vertraut ist, immer mächtiger dessen „Hellweg“ in den Sinn. Ich verspürte, daß es nun mir zugefallen ist, von diesem Sagenweg deutscher Eingebungen zu erzählen: es sollte doch fürder – unser Hellweg – den Enklein und Urenklein kein unbekannter Pfad mehr sein! Und zwar sowohl der „Dramatische“, als viertes Spiel im Bühnenwerk, als auch der „Landschaftliche“. Jener Weg durch die Soester Börde, der als Hellweg – ein Sinnbild vom Klaren und Lichten – sowie als Sagenweg artgemäßem Bestandswillen bewußt werden soll. Und da wir soeben bei dem Dramatischen schon angelangt waren, so soll auch bei ihm geblieben und vorerst von ihm weitererzählt werden.

Wozu jetzt aber nochmals wiederholt sei, daß der „Hellweg“ nur die letzte der drei Aufführungen in der Dramenreihe „Menschen und Götter“ ist. Doch führen die drei vorhergehenden Teile zu ihm hin. Sie sind die Stufen der religiösen Entwicklung im deutschen Volk. Und was für uns als Art- wie auch germanische Glaubens-Gemeinschaft bedeutsam ist, in diesem Entwicklungsgang wird uns keine den Kirchenweg bestätigende Ausrichtung geboten. Denn es wird das Heidnische nicht ausgeklammert. Im Gegenteil, seine Glaubens-, Denk- und Lebensweisen durchziehen alle vier Aufführungen. Somit können wir in diesen vier Spielen: das Entkeimen, das Wachsen und Reifen, sowie den Hochtrieb unseres religiösen Werdegangs nachleben. Dementsprechend sind ihre Namen: „Mythus“ (das Vorspiel), „Eckart“ und „Luther“, sowie schließlich unser heutiges Leitbild: „Der Hellweg“. Nun kann ich hier unmöglich alle vier Spiele wiedergeben. Das Textbuch umfaßt 278 Seiten. Ich will deshalb vorwiegend von jenen Stellen und Handlungen berichten, die mir aus der reichen Fülle des Werkes besonders entgegengeleuchtet hatten.

Da ist das Vorspiel „Mythus“, welches, wie schon angesagt, dem Entkeimen unseres religiösen Werdeganges gewidmet ist. Eine „mythische Einführung“, die allein schon durch ihre Sprachschönheit besticht.

Ernst Frank war der Bruder jenes so hilfreichen Staatsministers von Böhmen und Mähren und darüber hinaus einst Theaterberichter der Karlsbader Tageszeitung; dieser kunstsinnige Schriftsteller und Dichter schrieb über dieses Vorspiel: „der Mythus ist Musik in Sprache“. Eine Probe dieser Sprachmusik soll uns auch beim Auftritt Wotans, der in diesem Spiel „der Wanderer“ genannt wird, noch zu Ohr gebracht werden.
Die Nornen

Zunächst aber schöpfen in diesem Mythus die drei Nornen, sie tragen in dichterischer Freiheit hier die Namen „die Graue“, „die Saatengoldene“ und „die Dunkle“, das Wasser des Lebens aus unergründlichen Tiefen durch das Licht des Tages weiter –, in ewige Unergründlichkeit hinüber. Wobei ihr unermüdliches Schöpfen, aus der einen Ewigkeit hinein in die andere, schon im Vorspiel das durchgehende Leitbild der gesamten Tetralogie versinnbildlicht.

... das ...Weiter! Ein Weiter eben nicht nur in den stofflichen Lebensbedürfnissen der Menschen, wie Nahrung, Kleidung, Wohnung und Lebenshilfen technischer Art, sondern auch in deren geistigen Bedürfnissen; bei uns hier und jetzt, in der Weiterformung des Religiösen. Und hier meine ich, sind es doch gerade die lebensfrommen, die lebensgläubigen, nichtkirchlichen Religionsgemeinschaften, die weitergeschritten sind. Weitergeschritten zu einem Glauben und einer Sittlichkeit, die sich in natürliche Bedingungen einfügen und einen Einklang mit diesen anstreben. Eine seelische Wiedervereinigung mit der Natur, zu deren überwältigenden Wunderbarkeiten das Wunder des organischen Lebens gehört. Ein göttliches Naturgeschehen, welches im menschlichen Bereich neben all den anderen auch unsere Art hat entstehen lassen – in deren Erhaltung wir unseren Sinn im Sein finden. Wobei auch hierfür der Dichter des „Hellweg“ uns einen Leitsatz gestiftet hat:

„Handle so, daß Du überzeugt sein kannst, mit Deinem Handeln auch Dein Bestes und Äußerstes dazu getan zu haben, die Menschenart, aus der Du hervorgegangen bist, bestands- und entwicklungsfähig zu halten“.

Werden wir also, was wir sind – folgen wir stets der Stimme unseres Herzens, unseres Gewissens. Diese Stimme gibt uns Rat aus unserem tieferen Selbst; durch diese Stimme spricht der Ursprung zu uns – unser Gott. Halten wir diese Stimme heilig. Wenn wir uns jetzt, diese Stimme im Ohr, dem Bühnengeschehen wieder zuwenden, so erblicken wir einen aufsteigenden Nebelschwaden, in welchem die Nornen sich jetzt verflüchtigen.

Kronos und Zeus, dann Wotan und auch der Menschensohn treten nun auf den Plan. Der Dichter hat hierbei einen Teil der griechischen Mythologie in unseren deutschen Werdegang mit einbezogen. Gemäß dieser Griechensage überwältigt nun Zeus seinen Erzeuger mit der von ihm entdeckten Flamme; wobei hier angemerkt sei, daß dies jenes Feuer ist, welches Prometheus später auch den Menschen bringt.

In diesen Wechsel der frühgriechischen Gottheiten tritt nun Wotan, der Wanderer. Er ist weniger beeindruckt von dem Feuer und der Flamme selbst, als von ihrem „zehrenden Verlangen“. Zunächst aber berichtet er von seinem Herkommen:

„Weither mein Weg. Sturm kennt mein Mantel, meines Speeres Schaft Vom weißen Gletscherblut vertrotzter Riesen Ist naß und schwer. Das eine Auge entriß mir Die Norne an des Lebens dunklem Brunnen, Da sah ich auf den Grund: Not ist Gesetz! Not an das Leben, daß es bitter werde, Gestalt erzwinge, die es weiterträgt, Und alle Gunst aus eigner Kraft bewirkt!“

Bei dieser, Wotans nordischer Wegbeschreibung, werden wir mit den allfälligen Abstrichen an unseren eigenen artgemeinschaftlichen Weg erinnert. Auch wir hatten und haben noch immer die verschiedensten Nöte zu bestehen; in ihren heutigen Formen. Aber wenn wir es jetzt recht bedenken, waren es doch gerade diese Nöte, die uns „unsere Gestalt gewinnen ließen“. Die notgestärkte, arteigene Gestalt unseres Glaubensbundes, die auch „unser Leben nun weitertragen“ soll.

In des Vierspiels Reihe ist es nun eben der Wanderer, der fortan die Entwicklung des Religiösen im deutschen Volk bewegt. Er ermuntert nun die Seinen, zu jenem „Weiter“, welches vor ihm die Nornen symbolisch mit ihren Schöpfen bewegt hatten. Im Zeichen der „zehrenden Flamme“ wurde er der Gott des erwachenden Selbstbewußtseins, des bewußten Erkennen-wollens der Welt und dessen, was in ihr geschieht. Man kann die Frage ernstlich prüfen, ob nicht von diesem Gott das „Wissenwollen“ herkommt, welches das bloße Glaubenwollen überwindet. Ein Wissenwollen von der Wahrheit der Welt, welche nicht dogmatisch festzulegen ist. Diesem mythischen Einleitungsspiel folgen die beiden Aufführungen „Eckart“ und „Luther“; welche, wie angekündigt, dem Wachsen und Reifen in unserer religiösen Entwicklung gewidmet sind.

Zu Eckart bringt ein Elternpaar auf einer Bahre ihre sterbende, gerade erwachsen gewordene Tochter. Sie waren der Meinung, wie in den Frohbotschaften (den Evangelien) gelehrt bekommen, daß auch Eckart, der ja in Glaubensdingen die Geltung eines Meisters erreicht hatte, gleich seinem einstmaligen Meister in der „Heiligen Schrift“, eine Errettung vom Tode ebenso gelingen müsse. Doch Eckart, bestärkt von des Wanderers Natursinn, gesteht ihnen freimütig, daß auch er nicht anders als in dieser Natur stünde. Daß er deshalb auch den Tod nicht besiegen könne, da dieser zum Leben gehöre wie die Geburt; und möge er, unbegreiflicherweise, noch so früh eintreten. Was er als Meister Eckart aber vermag, ist, ihnen beizustehen in ihrem Schmerze. Ihre Seelen so stark zu machen, das Schicksal anzunehmen. Die tröstende Liebe ihnen in das Herz zu senken, welche ein’s werden läßt mit Gott. Diese Vereinigung verklärend, schließt dieses Spiel mit den leidüberwindenden Worten: „Es fand der Mensch – im eigenen Wesen – den bang gesuchten – den lebenden Gott!“ Und ich will hier daran erinnern, Eckart sagte soeben mit anderen Worten das gleiche, wie ich es euch von Goethe und Chamberlain berichtet hatte.

Im „Lutherspiel“ erleben wir in unserer Gottbesinnung die Trennung von mittelmeerländischen Anschauungen. Die religiöse Entwicklung war weitergegangen; die Erkenntnis war gereift, daß der römische Gott ein deutscher Gott nicht sein kann. Demzufolge erleben wir in diesem Spiel all die Ereignisse, die aus Luthers Leben uns geläufig sind: Tetzels Ablaßpredigten, den Anschlag der Thesen an das Tor der Schloßkirche zu Wittenberg; allem darüber: Luthers tiefer Glaube an die Unabdingbarkeit der Reformen.

Der Höhepunkt? Luthers Selbstgewißheit und Urvertrauen! Auf die einschüchternde Frage des römischen Kirchenpolitikers de Serra Longa, wo er denn nach einer Bannverhängung dann bleiben wolle, Luthers gelassene, unerschütterliche Antwort: „Unter dem Himmel!“ Hieran paßt nochmals ein Ausflug in die Zeitgeschichte. Unter den Empfängern der verteilt ausgesandten 350 Privatdrucke war auch ein Frontberichter an einem Soldatensender der Ostfront. Die Kriegsläufe ließen es auch noch zu, daß dieser sich beim Dichter zu bedanken vermochte. In dem glücklicherweise erhalten gebliebenen Dankesschreiben finden wir ein beredtes Zeugnis für den tragischen Opfergang der Ostfrontsoldaten: „Der Befehl des Wanderers: ,Weiter – weiter‘, umschließt alles, was die Not dieser Jahre uns auferlegte. Da können äußere Zeichen auf Untergang und Vernichtung deuten, ,unter dem Himmel‘ bleiben wir doch.“

Am Ende des Lutherspieles taucht der Wanderer noch ein letztes Mal auf. Erhaben über allen Zank, spießt er das gegen Luther erlassene Edikt auf seinen Speer. Dieser Speer, als Wahrzeichen der Gottheit, weist uns zugleich auf das letzte Spiel, auf unseren heutigen Leitweg, den Hellweg.

Auf ihm blicken wir nun schon in die Jetztzeit; zunächst in die Spanne zwischen den Kriegen und letztendlich dann auf ihn selbst. Am Beginn aber schreitet auf diesem Weg ein junger Theologe seiner Antrittspredigt entgegen. Er soll eine eigene Pfarrstelle bekommen. Er hatte früh seine Eltern verloren und war als Vollwaise von einem verwandten Pastorenehepaar als Pflegesohn aufgenommen worden. Und im Hauch dieses geistlichen Hauses war auch er auf diese geistliche Lebensbahn gewiesen worden, welche nun in die Amtsübernahme einer Pfarrgemeinde einmünden sollte. Ein begehrtes Ziel war erreicht. Trotzdem, ihm war nicht wohl dabei. Denn seine eigentliche Neigung gehörte der Naturwissenschaft. So hatte er auch während seines Studiums nebenher naturwissenschaftliche Fächer belegt. Seither aber lebte er in einem Zwiespalt. Denn er war doch ein Kirchenmann, ein angehender Pfarrer, und trotzdem vermochte er nicht mehr, im kirchlichen Sinne zu glauben. Ja, er zweifelte sogar an den Grundoffenbarungen der Kirche:

„…Wer kann für wahr halten, daß ein Gottschöpfer auf einem dieser möglichen Erdkörper im All Menschen erschaffen habe, die, in Sünde und Not verhangen, von seinem eigenen Sohne durch den Kreuzestod erlöst werden müßten, um – weiterhin mit jedem neuen Geschlecht in Sünde und Not verhangen zu bleiben.“

Mit solch einem Eingeständnis aber stand er zwischen einer unbefangenen Hingabe an sein kommendes „Amt“ und seinem von naturwissenschaftlichen Erkenntnissen geprägten Weltbild. Sein Studium hatte ihn das Lebensgeschehen in seinen biologischen Bedingtheiten zu sehen gelehrt, den Blick auf die arterhaltende Zweckmäßigkeit gewiesen. Je näher also der Tag der Antrittspredigt kam, so unwohler wurde ihm. Denn da war doch „seine“ Familie, zu der nun auch schon seine Braut gehörte; er war inzwischen sogar mit der Tochter des Hauses verlobt. Konnte er, durfte er denn sie alle vor den Kopf stoßen?! Auch bedeutete die Pfarrstelle für die kommende Familie ein gesichertes Auskommen. Auf der anderen Seite aber stand das schlechte Gewissen seiner zukünftigen Gemeinde gegenüber. Wußte er doch, daß er ihnen ein rechter Hirte nicht werden könne. Er, der selber reinen Herzens nicht mehr glauben konnte. So wogte der Gewissenskampf in ihm hin und her und fand sein Ende erst, als er bereits auf der Kanzel stand. Erst als der Gemeinde sonntägliche Gewohnheit auf ihn zukam, deren Behagen am kommenden „Wort Gottes“, erst da wurde ihm völlig gewiß, daß er diesen ihm so erwartungsvoll hingehaltenen Kelch nicht glaubensbehaglich zu füllen vermochte. Auf welches die Gemeinde aber ein Recht hatte. So wurde ihm erst auf der Kanzel, spät aber noch rechtzeitig, bewußt, daß er an ihnen nicht zum Heuchler werden darf. Und so gestand er dann erst da oben seinen Zwiespalt, seine Zerfallenheit mit dem Kirchenglauben und bat die Gemeinde, das Amt von ihm zurückzunehmen.

„Ich kann nicht euer Hirte sein. Mich heiligt das Wort nicht mehr. Nehmt es – ich bitte euch – nehmt es zurück. Noch mußte ich nicht zum Lügner werden.“

Es fällt nicht schwer, jetzt den Aufruhr da unterhalb der Kanzel sich vorzustellen: die Bestürzung der Gemeinde. Der Antrittspredigt hatten natürlich auch übergeordnete Kirchenränge beigewohnt, welche nun die Gemeinde beschwichtigten und den Gottesdienst vorerst übernahmen.

Nach diesem zwar unerhörten, aber letztlich doch befreiendem Geständnis wendet sich der junge Mann nun ganz den Naturwissenschaften zu, beendet darin seine Studien und promoviert sogar in einem dieser Fächer.

Alles schien auf einen glücklichen Fortgang gerichtet. Und doch hatte es das Schicksal anders vor. Die Hochstimmung hielt nur für ganz wenige Stunden. Es starb am selben Abend noch seine etwa vierjährige Tochter. Die Verlobten hatten trotzdem geheiratet, und beide hatten sie die allzu bescheidenen Verhältnisse eines Studentenhaushaltes auf sich genommen. Und nun, als all die Einschränkungen und Entbehrungen überstanden sein sollten, kam der unglaubliche Verlust am Kind. Für die junge Frau war dieser neuerliche Schicksalsschlag das Zuviel. In ihrem beibehaltenen, pfarrhäuslich gepflegten Kirchenglauben meinte sie, von Gott nun bestraft worden zu sein. Sie verläßt ihren Mann und kehrt in ihr Elternhaus zurück.

In der Not dieser Stunde war es, daß der frischgebackene Doktor seinem Freund und Fachkollegen die Weissagung vom Hellweg anvertraut hatte. Dieser hatte der jungen Familie während der Studienjahre sehr geholfen. Er war Abteilungsleiter einer biologischen Versuchsanstalt und hatte in seiner Abteilung den jungen Vater und Studenten zu einer Stelle und Verdienst verholfen. An jenem Abend war er eigentlich als Freund des Hauses zur Feier des Tages gekommen, hatte dann aber sofort umgeschaltet und war der Familie in dem Schmerz der letzten Stunde zur Seite gestanden.

Nachdem das Undenkbare doch geschehen war und das Leben seines Kindes verlöscht, lüftet der geprüfte Vater ein Stück seines Leitpfades und läßt dem Freund und Vertrauten die Bestimmung des Hellweg erkennen: „…Wer über den Hellweg geht, muß weiter – einem Ziel entgegen.“

Im nächsten Aufzug sehen wir dann diesen unglücklichen Vater und verlassenen Ehemann als Sanitäter bei einem Stoßtruppeinsatz an der Ostfront. Der Vorstoß dieses kleinen Kampftrupps war nicht ohne Verluste geblieben. Ein Grenadier war sofort gefallen und zwei weitere des Trupps verwundet worden. Sie waren es nun, die der Betreuung des Hellwegbestimmten anheim fielen. Dem einen der beiden, einem Unteroffizier mit Schulterschuß, konnte er gut mit einem sachgerechten Verband helfen. Dem anderen jedoch, einem todwundgetroffenen Schützen, konnte er nur noch seelisch Beistand leisten; ihm die letzte Hilfe und den letzten Trost beim Sterben bringen. Und dabei öffnete sich in dem studierten Sanitäter, mit seinem brüderlichen Beistand, der wahre Seelsorger. Wie sich darüber hinaus aber ebenfalls offen legte, daß behutsames Seelengeleit nicht an ein Kirchenamt gebunden war. So mußte auch der Sterbende empfunden haben, denn er hatte um diesen Beistand selbst gebeten. Es hatte in der Kompanie sich „rumgesprochen“, daß, ihr „Sani“ vordem nicht nur ein „Naturdoktor“, sondern auch einmal „geistlich“ war.

Eine Bodenwelle mit einem Felsblock darin bot nun der Kleinstverbandstelle im Niemandsland die hinreichende Deckung. Das feindliche Feuer hatte nachgelassen und der Sanitäter sowie sein Verwundeter warteten auf die kommende Bergung. Die eigene „HKL“, die Hauptkampflinie, lag einige hundert Meter hinter ihnen. Von dort erhofften sie, „heimgeholt“ zu werden. Doch dazu brauchte der auszusendende Bergungstrupp die schützende Dunkelheit. Jetzt aber war der Morgen gerade erst so richtig aufgestiegen; die beiden Wartenden hatten somit einen bangen Tag noch vor sich. Zeit zu innerer Einkehr. Das unerschrockene und vor allem offenherzige Wirken seines Sanitäterkameraden war auf den verwundeten Unteroffizier nicht ohne Eindruck geblieben – besonders dessen pflegerische Spannweite. Kaum daß er ihm selbst, in sicherer Art, die erste Wundhilfe hat zukommen lassen, war es ihm schon gleich darauf möglich, die ungemein schwierigere Hilfe dem Todwunden darzubringen, ihm den Abschied zu erleichtern und aus dem Leben zu geleiten: gefaßt, umfriedet, versöhnt. So suchte auch er jetzt den geistigen Beistand bei diesem außergewöhnlichen Wund- und Seelenpfleger. Welcher Verwundete brauchte wohl auch nicht solche Zuwendung? Er wandte sich deshalb ihm mit der teilnehmenden Frage zu: „Du mußt doch von Schicksalsschlägen auch nicht verschont geblieben sein?“ Worauf er die ruhige, ihm aber geheimnisvoll klingende Antwort erhält: „Das ... ist schon so, aber ... ich habe es ... nicht anders wollen können – ich bin – auf dem Hellweg geblieben und so habe ich ... weiter – müssen.“

Mit jenem „weiter – immer weiter“ findet die Handlung in dem Drama „Der Hellweg“ ihren Abschluß. Nun fällt kein Schuß mehr, Nebel verdichtet sich; doch über den Schwaden, aus den Lüften hallt es noch nach: ... „Weiter! ...Weiter!...“ Säßen wir vor einer Bühne, senkte sich jetzt wohl deren Vorhang; als bloßer Erzähler dieses Schauspiels obliegt mir aber jetzt noch dessen Finale laut werden zu lassen: die Verkündung der Weissagung des Hellwegs! Wie Euch aufgefallen sein wird, war bisher der Held sich hierzu nur in Andeutungen ergangen, wie zu dem verwundeten Unteroffizier; er scheute wohl mißverstehende Ohren. Aber in der überwältigenden Stunde beim Tode seiner Tochter, da offenbarte er diese Weissagung seinem einzigen Freund und Vertrauten der Studentenknappheit. Ihn weihte er in das Mysterium des Hellweges ein:

„Den gibt es wirklich. Man weiß nur nicht viel davon. Er ist ein Boden in Deutschland, über dem die Sage spinnt. Heute noch. Die Soester Börde liegt dort. Und nach der Sage soll dort die letzte große Entscheidungsschlacht der Völker geschlagen werden. Und die wird geistig sein. Wer den Hellweg begeht, der findet keine Ruhe, er sieht sie vor sich, die große Schlacht. Er weiß nur eines bis dahin: Weiter.“ Welch eine aufrüttelnde Verkündung! Welch ein eindringliches Bekenntnis für ein kommendes, neues Messen in der Geschichte. Wer von uns Artverbundenen könnte hierbei aber auch überhören, wie solch eine Erwartungsbotschaft doch auch an uns gerichtet ist. Wie sie uns Mut macht und bestärkt, weiterzuschreiten auf unserem bereits eingeschlagenen Weg, und wie sie uns aber auch zu Ausdauer mahnt. Denn unser Weg ist eine Strecke des Ausharrens, des nimmermüden Beharrens auf unser Wesen, auf unsere eigene Art. Und dazu gilt – der längere Atem in dieser hastigen Zeit.

Mit diesem „Mahnruf vom Sagenweg deutscher Geschichte“ ist auch für uns, als bloße Hörer, dieses große Religionsdrama zu Ende; der Vorhang geschlossen. Und wie erinnerlich sollte damit wohl auch mein stilles aber inniges Anliegen sich erfüllt haben: daß „fürder den Enklein (und mit ihnen aber auch den schon etwas älteren Gefährten dieser Morgenstunde) unser Hellweg kein unbekannter Pfad mehr sei!“ Gleichwohl ist damit all das Wundersame um den Hellweg noch nicht erschöpft. Ich hatte eingangs schon hingewiesen, daß dem „Dramatischen“ ein „Wirklicher“ zugrunde liegt, der landschaftliche Weg durch die Soester Börde. Einstmals wohl nicht mehr als ein schlichter Karrenweg, ist er heute zu einer bedeutenden deutschen Verkehrsader geworden. Aber trotz ihrer allverzehrenden Verkehrsdichte ist die Straße der Sage eingesponnen geblieben. Eine Verwobenheit, die auch auf ein gemessenes Alter schließen läßt und somit unsere Rückahnung auf ihren Ursprung lenkt.

Nun hatte ich dazu bei einer Studientagung der Kolbenheyergesellschaft einmal vernommen, daß die Entstehung dieses Sagenweges sogar mit den Eiszeiten zusammengebracht wird. Eine Verlautbarung, welche in diesem literarisch-philosophischem Kreis allerdings mehr beiläufig erwähnt war; es ging dort um andere Schwerpunkte.

Aber wir Heiden zu neuem Anfang werden bei solch einer Zuordnung da gefühlsbestimmter berührt. Als artbewußte und somit auch geschichtsverhangene Menschen kann uns solch ein Rückschein in die Eiszeit niemals unbewegt lassen. Wir halten ja dafür, die Wurzeln unserer Art in dieser unwirtlichen Kältezeit aufzufinden. Und so schätzen wir doch geradezu dieses „Erbe einer Daseinsnot“ (ein Wort unseres Dichters), welche unsere Ur-Ur-Ur-...Eltern einmal abgehärtet und bestands-, ja sogar leidensfähig hat werden lassen. Darum doch unser „leidvolles Sehnen“, sowie unsere fromme Verehrung des „Ex nocte Lux“, des Lichtes aus der Nacht.

Bei all dieser Erbverhangenheit konnte ich mich auch nicht mit der, wie schon gesagt, nur beiläufigen Erwähnung unserer Kolbenheyerfreunde abfinden und suchte nach eingehenderen und genaueren Rückbestimmungen des Hellwegs. Und solche wurden mir schließlich, erfreulicher- und lobenswerterweise, sogar aus unseren eigenen Reihen zuteil. Es war Rita, die stellvertretende Leiterin und Gudja aus dem Rheinland, die mich da kundig machen konnte: Mit Niederschriften von Vorträgen bei der Externsteingesellschaft, welche die Entstehungsgeschichte der Externsteinlandschaft zum Inhalt hatten. Und was unseren Hellweg betrifft, er gehört zu dieser großartigen Felsriesenlandschaft; bis 1936 nahm er sogar als Reichsstraße 1 seinen Verlauf mitten durch eine Lücke ihrer hochragenden Felstürme. Das Entscheidenste aber an dieser Hilfestellung war, daß in den Veröffentlichungen dieses Vorgeschichtsvereins die beiläufige Erwähnung der Kolbenheyerfreunde vollauf bestätigt wurde. Wie entspannend! In ausführlichen Berichten über diesbezügliche archäologische Untersuchungen wird die schon erschauernlassende Kunde erhärtet: der Hellweg geht in seinem Ursprung auf die vorletzte norddeutsche Eiszeit, die Elster-Saale-Riß-Eiszeit zurück. In der heutigen Moränenlandschaft der Soester Börde, sie war wohl eine Endmoräne, verlief damals die Eisgrenze: entlang des jetzigen Hellwegs und der Externsteine.

In den besagten Niederschriften war aber noch eine weitere, sicher recht erstaunliche Vorgeschichtsbotschaft zu finden: es gibt vom Leben an dieser Eisgrenze eine geistige Hinterlassenschaft in der Edda. Herausgefunden, ja hier ist vielleicht angemessener gesagt, entschleiert, wurden diese Urzeitspuren von dem sehr kenntnisvollen Sprecher in der Externsteingesellschaft, Herrn Dipl. Ing. Langewiesche. Mit tiefem Einfühlungsvermögen und viel Liebe zur germanischen Lebensgeschichte hat er Erinnerungen an dieses ferne, unsagbar weit zurückliegende Eiszeitleben in der Eddaerzählung Gylgafinning (Gylfis Verblendung) erspürt. Aus dem einstigen Lebenskampf unserer „Eiszeitvorfahren“, aus ihrem Werken, Sinnen, Trachten und Lieben in der Nachbarschaft des Eises, waren Mythen geworden. Nach vielhundertjähriger körperlicher Mühsal war das herangereift, was wir heute – das Geistige nennen. Damit kommen wir zum Schluß unserer heutigen Hellwegbetrachtung; zu einer Zusammenschau, bei der Drama und Landschaftseingebung sich ineinander verweben. Hierzu erlauben wir uns einmal eine rückwärtsgewandte Vision. Visionen sind laut Brockhaus „lebhafte als Wirklichkeit empfundene Vorstellungen!“

Lassen wir doch jetzt einmal jene „als Wirklichkeit empfundene Vorstellung“ in uns aufsteigen, daß vor diesen endlos langen, langen Jahren, wie sie ja die Zeitspanne zurück bis zur Eiszeit beträgt, Ur-Ur-Ur-Vorfahren diesen Hellweg entlang und unweit des Eises einmal ausgetreten haben. Bestimmt ein beschwerlicher Weg damals. Ein Weg aber, der ihnen wohl trotz aller Beschwerlichkeit im Abglanz des Eises zu einem „hellen“ geworden war.

Visionen sind aber immer noch dazu da, nach vorne zu blicken. Und dabei erinnern wir uns wieder der eigentlichen Vision des Hellweges. Diese verheißt uns doch, daß auf ihr die Entscheidungsschlacht der Völker geschlagen wird – welche aber eine geistige sein wird. Und das trifft unsere Zukunftserwartung. Nach den bitteren Erfahrungen der verlorenen Kriege und angesichts der immer bedrohter werdenden Lebenslage der Menschen unserer Art wissen wir, daß dies keine Schlacht im üblichen Sinne sein kann. Und schon gar nicht eine Schlacht zwischen den Völkern. Vielmehr weist uns der Ausblick vom Hellweg auf die in den kommenden Jahren fallende Entscheidung im Beharrungskampf „der Völker“. Der Hellweg wirft heute sein Licht auf den Bestand und die Erhaltung der Arten. Er beleuchtet das grundsätzliche Recht auf Verschiedenheit; und letztlich erhellt er die Welt der „tausend Völker“.

Demzufolge ist der Hellweg bestimmt auch der Weg einer lebensfrommen und artgerechten Glaubensgemeinschaft. Welch einem Aufrechten – Mann oder Frau – zieht es denn nicht – zur – Lichte – zur Klarheit –, auf einen: Hellweg! Freilich, wie wir gehört haben, ist auch er ein Weg, gepflastert mit Lebensnot, mit Bedrängnissen – ja, mit grausamen Bombardierungen – und – er ist umsäumt von Dramatischem, ja, Tragischem! Und doch, meine lieben Gefährten, Frauen wie Männer, Maiden und Jünglinge, hätten wir nicht auch diese dunkle Tragik, nie doch auch könnten wir uns der Helligkeit so bewußt werden. Einer Helligkeit, die hoch über allem Schicksale glänzt und deren Glanz uns, wie aber auch allen Kommenden von uns, weiterhin den Weg, unseren Hellweg, be- und ausleuchten soll!

Anmerkung: Laut Grimms Wörterbuch ist der Helweg ursprünglich der Weg gewesen, auf dem die Leichen gefahren wurden. „Helvegr ist der Weg zur Unterwelt, dem der westfälische Hellweg, Totenweg, entspricht“, schrieb Golther, einer der besten Kenner der Germanischen Mythologie. In der Silbe „Hel“ könnte sich daher auch der Name der germanischen Totengöttin wiederspiegeln (vergleiche auch engl. "hell" = "Hölle"). „Hal“ bedeutet aber auch „Salzwerk“ oder „Salz“. Der Hellweg ist eine alte Handelsstraße zwischen Rhein und Lippe– ein Salzweg? Vielleicht, denn das berühmte Salz des Hellweges beuteten schon die Neolithiker vor 5000 Jahren aus.