Halt hoch das Haupt was dir auch droht und werde nie zum Knechte. Brich mit den Armen gern dein Brot und wahre deine Rechte! Treib nicht mit heiligen Dingen Spott und ehre fremden Glauben und lass dir deinen Schöpfer und Gott von keinem Zweifler rauben.
Sieg oder Spott, folg deinem Gott!



Freitag, 1. Juni 2012

Frigg/Frigga/Freyja – die Himmelskönigin


Frigg ist die Ehefrau Odins und die höchste der Göttinnen, die alle, auch wenn sie zum Wannenstamm gehören, Asinnen (nord. Ásynjur ) genannt werden. Die Edda berichtet mehr von den männlichen Göttern, doch heißt es ausdrücklich, dass “die Göttinnen um nichts weniger heilig und mächtig” sind. Frigg heißt in den altgermanischen Sprachen Frea (langobardisch) und Frija (althochdeutsch) und wird wegen dieser Namensähnlichkeiten oft mit Freyja gleichgesetzt. Tatsächlich kommen beider Namen vom selben Wortstamm wie “Frau” im ursprünglichen Sinn von “Herrin” und besagen, dass sie die höchsten Göttinnen der Asen bzw. der Wanen sind – es sind also eigentlich rituelle Ehrentitel, unter denen die Göttinnen angerufen wurden.
Frigg ist die Große Göttin, entsprechen der gemeinsamen Natur aller Asen aber nicht die Erdmutter, sondern die Himmelskönigin. Als solche herrscht sie über die heiligen Ordnungen im Kosmos und in den sippenübergreifenden Zusammenschlüssen der Menschen. Sie schützt die Eide, durch die sich Fremde einander verpflichten, und die Ehe, durch die nicht nur einzelne Frauen und Männer, sondern auch ihre Sippen verbunden werden. Daher ist sie die Göttin der verheirateten Frauen, die nach germanischer Tradition richtige Herrinnen von Haus und Hof sind, und die Schützerin ihrer Aufgaben und Interessen. Die als gegenseitige Verpflichtung betrachtete Ehe ist nach germanischer Auffassung eine Spezialform der Heiligen Ordnung (altgerm. eh ) im allgemeinen, die sich auf höchster Ebene in der Ordnung des Kosmos zeigt.
Frigg ist daher eng mit dem zentralen Ordnungsgestirn, der Sonne, verbunden. Sie ist nicht eigentlich eine Sonnengöttin, obwohl die Sonne in den nordischen Sprachen weiblich ist, aber die Göttin, deren Ordnungs- und Schöpfungskraft sich in der Sonne spiegelt. Weil die Sonne aus der Sicht von Seeleuten, wie es die Wikinger waren, aus dem Meer steigt und im Meer versinkt, heißt Friggs Wohnort in der Wikingertradition Fensalir (Meersäle). Mit der Sonne, aber auch mit dem Mond und damit mit beiden Gestirnen, an denen wir die zyklische Ordnung der Zeit sehen, ist Frija/Frigg auch im zweiten Merseburger Zauberspruch verbunden, wo zwei ihrer Schwestern Sunna und Sinthgunt (“Nachtwandlerin”, Mondin) heißen. Die dritte heißt Volla (Fülle), in der Edda Fulla, die ein goldenes Stirnband trägt, nach dem die Dichter das Gold “Sonne von Fullas Stirn” nennen.
Frigg besitzt ein Falkengewand, d.h. sie kann sich in einen Falken verwandeln, beherrscht also die schamanische Magie und Seherkunst wie Odin, musste sie aber nicht wie er erst von anderen lernen, sondern hat diese Fähigkeiten von selbst – wie es überhaupt die Eigenschaft der Göttinnen ist, dass sie ihre Kräfte, eigentlich ihre Göttlichkeit, von sich aus besitzen und nicht erst erwerben und erkämpfen müssen wie die Götter. Anders als Freyja, die Odin die Kunst des Seiðr lehrte, gibt Frigg ihr Wissen nicht weiter. Sie kennt das Schicksal aller Wesen, aber sie schweigt. Denn sie weiß auch um die Unabänderlichkeit des Schicksals – dass sie im Fall ihres Sohnes Balder dennoch versucht, es zu ändern, und dadurch selbst dazu beiträgt, es zu erfüllen, zeigt das tragische Schicksalsverständnis des Heidentums: Was immer dein Schicksal ist, lass es nicht geschehen, sondern lebe es!
Diese Haltung liegt im Wesen Friggs, denn als Himmelskönigin und Herrin der Heiligen Ordnung ist sie letztlich die Schöpferin des Schicksals oder jedenfalls der Grundlagen, aus denen es gewoben ist. Friggs magisches Attribut ist daher die Spindel: Die Fäden des Schicksals, die die Nornen weben, werden von Frigg gesponnen.