Halt hoch das Haupt was dir auch droht und werde nie zum Knechte. Brich mit den Armen gern dein Brot und wahre deine Rechte! Treib nicht mit heiligen Dingen Spott und ehre fremden Glauben und lass dir deinen Schöpfer und Gott von keinem Zweifler rauben.
Sieg oder Spott, folg deinem Gott!



Freitag, 18. Mai 2012

Runen als Sinnbild


Der tiefsinnigste Mythos vom Wesen der Runen ist uns in zwei Strophen der eddischen Spruchsammlung Hâvamâl, „des Hohen Reden“, überliefert. Der Hohe, der Gott Odin, spricht hier von sich selbst: Ich weiß, daß ich hing am windigen Baum neun Nächte lang, vom Ger verwundet gegeben dem Odin, ich selbst mir selbst, an jenem Baum, da jedem fremd, aus welcher Wurzel er wächst.

Ich weiß, daß ich hing am windigen Baum neun Nächte lang,
vom Ger verwundet gegeben dem Odin, ich selbst mir selbst,
an jenem Baum, da jedem fremd,
aus welcher Wurzel er wächst.
Brot gab man mir nicht, brachte kein Horn, nieder neigt’ ich mich:
Nahm auf die Runen, ächzend nahm ich sie, dann stürzt’ ich hinab.
Und nun beginnt der Gott zu wachsen und zu gedeihen. Er erlangt alle Weisheit der Welt und trinkt den Dichtermet. Der Dichter ist ja in einem Volk mit jugendfrischer Kultur gleichzeitig der Weise, der Seher und der Zauberer. So wird Odin zum Gott aller Geistigkeit. Und diese Geburt des Geistigen, wie sie der Mythos uns schildert, ist des höchsten Opfers wert: Wie einst, schon von Tacitus im 9. Kapitel der Germania bezeugt, dem germanischen Mercurius = Wodan an bestimmten Tagen Menschenopfer dargebracht wurden und wie noch die Skalden der Wikingerzeit den Fürstengott Odin gern Hanga-ty´r, „Gott der Gehängten“, nennen, so hing Odin nun selbst an der Weltesche Yggdrasil, vom Speer, seiner besonderen Waffe, durchbohrt und sich selbst geweiht. Da erspäht er in höchster Not, unter furchtbaren Qualen, die Runen und nimmt sie mit letzter Anstrengung auf. Diese Runen sind aber der Inbegriff aller Geistigkeit.
Der Mythos deutet auch darauf hin, daß die Runen, wie Odin sie fand, keine toten Buchstaben waren, die man nur mechanisch zu Wörtern und Sätzen für Mitteilungszwecke zusammensetzen konnte. Diese Runen waren vielmehr kraftgeladene Wesenheiten, die dem, der sie recht zu benutzen wußte, eine geheimnisvolle Macht verliehen. Bedeutet doch das nur im Germanischen und Keltischen auftretende Wort „Rune“ von Haus aus soviel wie „Geheimnis“. Jede einzelne Rune führte einen Namen und wirkte auf die magische Sphäre ein, die durch eben diesen Namen angedeutet wurde.

Diese Belebung und Verpersönlichung der Runen geht auch aus anderen Stellen der eddischen Gedichte deutlich hervor. Unter den Runenlehren, die die Walküre Sigrdîfa ihrem Erwecker Sigurd erteilt, enthält eine die Worte: „Siegrunen sollst du können, wenn du willst Sieg haben, und ritzen auf Schwertes Knauf … und zweimal nennen den Tyr.“ Die letzten Worte sind gewiß so zu verstehen, daß man die t-Rune ^|, die im Altnordischen den Namen Ty´r führte und eben die Siegrune war, zweimal, vielleicht unter Anrufung des Gottes, ritzen sollte.
Skirnir, der Freiwerber des Gottes Frey, ruft der Riesentochter Gerd in seinen Liebesbeschwörungen zu: „Einen Thursen ritz’ ich dir und drei Stäbe: Argheit, Irrsinn und Unrast.“ Mit dem „Thursen“ ist hier die lo-(th-)Rune gemeint, die altnordisch lours „Riese“ hieß und bei Liebeszauber, wie wir aus späten isländischen Aufzeichnungen wissen, eine Rolle spielte.
Die vermutlich in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts verfaßte Egils saga Skallagrímssonar, die Geschichte vom Skalden Egil, berichtet in den Kapiteln 72 bis 76 von einer winterlichen Reise Egils nach Värmland im Dienst des norwegischen Königs. Unterwegs kehrt Egil einmal bei einem Bauern Thorfinn ein. Das erzählt die Saga: „Und als Egil und seine Begleiter saßen und speisten, da sah Egil eine kranke Frau auf der Querbühne liegen. Egil fragte Thorfinn, wer diese Frau wäre, die da so schwer zu leiden hatte. Thorfinn antwortet, sie hieße Helga und wäre seine Tochter. – ,Sie hat eine lange Krankheit gehabt, und das war eine heftige Auszehrung. Keine Nacht konnte sie schlafen, und es war, als ob sie nicht ganz bei sich wäre.‘ – ,Hat man etwas‘, fragt Egil, ,gegen ihr Leiden unternommen?‘ Thorfinn sagt: ,Runen sind geritzt worden, und ein Bauernsohn ganz aus der Nähe ist es, der das tat, und seitdem ist es noch viel schlimmer als früher. Kannst du, Egil, vielleicht etwas gegen solch ein Leiden tun?‘ Egil sagt: ,Kann sein, daß nichts verdorben wird, wenn ich dazu komme.‘ Und als Egil satt war, ging er dahin, wo das Mädchen lag, und redete mit ihr. Dann gebot er, sie aus dem Bett zu heben und reines Zeug unter sie zu legen. Das geschah. Alsdann untersuchte er das Bett, in dem sie geruht hatte, und da fand er ein Fischbein, darauf waren die Runen. Egil las sie; darauf tilgte er die Runen und schabte sie in das Feuer hinunter. Er verbrannte das ganze Fischbein und ließ das Zeug, das sie vorher gehabt hatte, an die frische Luft tragen. Da sprach Egil:
,Niemand ritze Runen.
rät er sie genau nicht:
Das geschieht so manchem,
daß dunkler Stab ihn irreführt.
Sah zehn Zauberstäbe
auf zerstörtem Kiemen:
Das hat Lauches Linde (= der Frau)
lange Not bereitet.‘
Egil ritzte Runen und legte sie unter das Kissen in dem Bett, in dem sie ruhte. Ihr war, als ob sie aus dem Schlaf erwachte, und sie meinte, sie sei wieder gesund; doch war sie noch schwach bei Kräften. Aber ihr Vater und ihre Mutter wurden sehr froh.“
Und als Egil bei seiner Rückkehr wiederum bei Thorfinn einkehrt, erfährt er noch folgendes: „Helga, die Tochter des Bauern, war da wieder auf und ihres Leidens ledig. Sie und alle dankten Egil dafür. Da ruhten sie sich und ihre Tiere aus. Aber der Mann, der der Helga die Runen geritzt hatte, wohnte nicht weit entfernt. Es wurde da ruchbar, daß er um sie geworben hatte, Thorfinn sie ihm aber nicht geben wollte. Da wollte der Bauernsohn sie verführen, aber sie wollte nicht. Da vermeinte er, ihr Liebesrunen (manrúnar) zu ritzen; aber er verstand sich nicht darauf, hatte ihr vielmehr etwas geritzt, wodurch sie krank wurde.“
Der vorstehende Bericht enthält die anschaulichste Schilderung der Verwendung von Liebesrunen. Man ersieht daraus, daß man Liebesrunen in kleinere Gegenstände einritzte und in der nächsten Umgebung der Person, gegen die man den Liebeszauber wenden wollte, versteckte. Die Erzählung deutet ferner an, daß Liebesrunen anscheinend leicht mit Krankheitsrunen zu verwechseln waren. Die Bauerntochter Helga verfiel auf Grund der unrichtig geritzten Liebesrunen in Auszehrung und Schlaflosigkeit. Man erinnert sich dabei an den schon anfangs zitierten Liebesfluch des Skîrnir: „Einen Thursen ritz ich dir und drei Stäbe: Argheit, Irrsinn und Unrast.“
Kampfesmut und Kampfesfreude waren hervorstechende seelische Eigenschaften des Germanen, den ja die rauhe Natur seines Landes zu täglichem Kampf und Dasein erzog. Es ist kein Wunder, daß er diesen Kampf gelegentlich auch mit magischen Mitteln, insbesondere mit Runenzauber, zu führen und zu bestehen suchte.
Dabei sind zwei Möglichkeiten ins Auge zu fassen: Man konnte den Kampf ausschließlich mit solch einem Runenzauber führen, ohne sich wirklicher Waffen zu bedienen. In einen solchen Bereich gehört die vermutlich dem Beginn des 8. Jahrhunderts angehörte Inschrift auf dem kleinen Stein von Roes, der auf Gotland gefunden wurde, und zwar an einem Ort, der fern allen Siedlungen lag. Der Stein zeigt in der Mitte das Bild eines Hengstes und dahinter die sehr tief eingegrabene Inschrift iu loin UdR rak „Diesen Hengst trieb Udd“.

Die Bedeutung dieser auf den ersten Blick sehr merkwürdige Inschrift wird uns durch eine berühmte Stelle in der Egilssaga nahegelegt. Da wird erzählt, wie der Skald Egil, von König Eirik Blutaxt und der Königin Gunnhild geächtet, bevor er mit seinem Schiff Norwegen endgültig aus den Augen verliert, noch einmal auf einer Außenschäre an Land geht und dort eine „Neidstange“ errichtet: Er steckt eine Haselstange in den Boden und setzt ein Pferdehaupt darauf. Dann wendet er das Pferdehaupt gegen das Festland und spricht furchtbare Verwünschungen gegen König Eirik und die Königin Gunnhild aus. Die Landwichte sollen alle in die Irre fahren und dem Königspaar weder Rast noch Ruh gönnen. Um den Fluch festzuhalten, ritzt Eigil alsdann Runen in die Haselstange.
Da liegt es nun nahe, in der Roes-Inschrift ähnliche „Neidrunen“ zu sehen. Statt der Haselstange mit dem Pferdekopf haben wir hier das auf einen Stein geritzte Bild eines anspringenden Hengstes. Der Hengst ist in der Runenmagie das Symbol des Runen- und Zaubergottes Odin. Die Runen von Roes ergänzen nur das Bild: „Diesen Hengst trieb Udd“ will soviel sagen wie „Diesen Schadenzauber sandte Udd aus“. Natürlich wissen wir nicht, gegen wen Udd diesen Neidzauber richtete; vielleicht war es bloß ein tückischer Flurzauber gegen einen andern Bauern. Ist es übrigens ein Zufall, daß sich der Stein unter den Wurzeln eines Haselstrauchs fand? Der Haselstrauch wächst nämlich mit großer Zähigkeit immer wieder an derselben Stelle. Vielleicht hatte schon Udd seine Neidrunen unter einem Haselstrauch geborgen; dann wäre der Zusammenhang mit der Neidstange Egils noch enger.
Eine andere Möglichkeit, Kampfrunen anzuwenden, bestand darin, daß man die magischen Runen eben auf Waffen oder auf Geräten, die mit Waffen in engem Zusammenhang standen, einritzte. Von solchem Brauch spricht eine Eddastrophe:
Siegrunen sollt du können, wenn du willst Sieg haben, und ritze auf Schwertes Knauf,
einige auf die Blutrinne, einige auf den Rücken, und zweimal nennen den Tyr.
Die Siegrune der Wikingerzeit war nicht die s-Rune , die vielmehr „Sonne“ bedeutete, sondern die t-Rune ^|, die den Namen des Kriegsgottes Ty´r führte.
Wie die Edda, so weiß auch die isländische Saga von derartigen Kampfrunen zu erzählen. Hier sei nun eine Stelle der Gîsla Saga angeführt:
„Ein Mann hieß Thorgrim und wurde ,Nase‘ genannt … Er war voll von Hexerei und allerlei Wissen und ein Zauberschrat wie nur einer. Ihn laden Thorgrim (der Gode) und Thorkel ein, weil auch sie eine Gasterei bei sich hatten. Thorgrim war geschickt in Eisenarbeiten. Und es wird erwähnt, daß die beiden Thorgrime zur Schmiede gehen zusammen mit Thorkel; danach verschließen sie die Schmiede. Nun werden die Überreste der Grasida (ein altererbtes Schwert) hervorgeholt, die Thorkel aus der Erbteilung mit seinem Bruder erlost hatte, und davon macht Thorgrim einen Speer, und das war bis zum Abend getan. Zeichen (mál) waren darin, und eine Spanne weit stak der Schaft in der Tülle.“
Es ist sehr wohl möglich, daß bei diesen Zeichen auch an Runen gedacht ist.
Derartige málaspjót sind uns nun aus der Völkerwanderungszeit tatsächlich mehrfach und in den verschiedensten Gegenden der germanischen Welt erhalten. Ein im Felde von Suszyczno, Kreis Kowel, südlich von Brest-Litowsk gefundenes Speerblatt, das vielleicht noch dem 3. Jahrhundert angehört, zeigt auf beiden Seiten verschiedene Ornamente und Symbole, darunter Hakenkreuze, Punktkreise und eine Mondsichel. Die eine Seite trägt außerdem die sehr altertümlich geformten Runen tilarids, ein Wort in gotischer Sprachform, das vermutlich soviel wie „Angreifer“ bedeutet und eine magisch-poetische Bezeichnung des Speeres darstellt. Man wollte mittels dieses Runenwortes dem Speer angreifende Kraft anzaubern. Der archäologische Typus weist auf Herkunft aus dem Schwarzmeergebiet. Der Besitzer des Speeres wird zu den Gotenscharen gehört haben, die im 3. Jahrhundert aus der neuen Heimat im Pontus nach der alten Heimat am Südufer der östlichen Ostsee zurückwanderten.
Aber die Runen zeigen ein doppeltes Gesicht: Sie erscheinen nicht nur als Begriffssymbole, sondern daneben auch als Lautzeichen, ganz so wie unsere Buchstaben. Und zwar treten uns in der ältesten sicher datierbaren Schicht der überlieferten Runeninschrift, im 3. und 4. Jahrhundert n. übl. Ztr., beide Verwendungsarten entgegen. Man würde gern wissen, ob eine der beiden Arten letztlich doch älter ist. Urkundlich feststellen läßt sich das nicht.
Tacitus berichtet im 10. Kapitel der gegen 98 n. übl. Ztr. verfaßten Germania vom Orakelwerfen der Germanen: „Vorzeichen und Lose beobachten sie aufs eifrigste. Das herkömmliche Verfahren bei der Losung (sortium) ist einfach: Den von einem Fruchtbaum1 abgeschnittenen Zweig zerlegen sie in Stäbchen (surculos), unterschieden sie durch gewisse Zeichen (notis) und verstreuen sie blindlings und zufällig über ein weißes Tuch. Dann hebt (tollit) bei öffentlicher Befragung der Priester der Völkerschaft, bei privater einfach der Familienvater, unter Gebet zu den Göttern und zum Himmel aufblickend, dreimal je eins auf und deutet die aufgehobenen entsprechend dem vorher eingedrückten Zeichen.“ Man hat lange bezweifelt, daß Tacitus hiermit auf die Runen Bezug nähme. Und doch wüßte ich nicht, wie der Römer besser und kennzeichnender die altgermanischen Runen hätte beschreiben sollen. Zu dem tollit – das freilich auch Fachausdruck der römischen Weissagung war – vergleiche man den Ausdruck nam ek upp rúnar „ich nahm auf die Runen“ in dem eingangs angeführten Mythos.
Tacitus nennt hier also die Runen als Begriffssymbole, während er von den Runen als Lautzeichen nichts berichtet. Aus diesem Schweigen der Germania geht jedoch nicht mit Sicherheit hervor, daß es damals noch keine Runen als Lautzeichen gab. Da die Runen auch als Lautzeichen zunächst nicht in dem üblichen Sinn einer allgemeinen Schrift verwendet wurden, so können geheime Lautrunen den Gewährsmännern des Tacitus leicht entgangen sein, während das Loswerfen ein auch dem Fremden auffallender Brauch war.
Es ist wahrscheinlich, daß auch die Runen von Anfang an als Lautzeichen verwendet wurden, daß die Germanen aber auch von Anfang an, die Runen daneben als Begriffssymbole gebrauchten. Gerade aber diese Verwendung gibt der Runenschrift ihren ganz eigenen Charakter gegenüber den südeuropäischen Alphabeten. Insofern sind die Runen in ihrer Verwendung eine ureigene Erfindung der Germanen.


Anmerkungen:
1 Am ehesten kommen Eiche, Buche und vor allem der Haselstrauch in Frage, der auch sonst im altgermanischen Kultus und beim Runenzauber eine bedeutsame Rolle spielte.