Halt hoch das Haupt was dir auch droht und werde nie zum Knechte. Brich mit den Armen gern dein Brot und wahre deine Rechte! Treib nicht mit heiligen Dingen Spott und ehre fremden Glauben und lass dir deinen Schöpfer und Gott von keinem Zweifler rauben.
Sieg oder Spott, folg deinem Gott!



Samstag, 7. April 2012

Die Wikinger

Die Wikinger kamen aus dem Gebiet, das heute Dänemark, Schweden und Norwegen ist. Es war eine sich selbst versorgende bäuerliche Gesellschaft, wo Ackerbau und Viehzucht durch Jagd, Fischfang, Eisengewinnung und den Abbau von besonderen Gesteinsarten zur Herstellung von Wetzsteinen und Kochgerät ergänzt wurden. Obwohl es den Bauern gelang, das meiste selbst herzustellen, wurden gewisse Produkte gehandelt ­ zum Beispiel das für Mensch und Tier wichtige Salz. Das Salz ist eine Alltagsware, die wahrscheinlich nicht über weitere Strecken als notwendig herangeschafft wurde, während Luxusartikel aus dem südlicheren Europa importiert wurden. Eisen, Wetzsteine und Kochgerät aus Speckstein waren Exportartikel und wesentliche Ursache für das Aufblühen des Handels in der Wikingerzeit. Selbst in der Periode, als Wikingerüberfälle an der Tagesordnung waren, wurde zwischen Westeuropa und dem Heimatland der Wikinger Handel getrieben. Einen der wenigen Berichte, die wir über die Verhältnisse in Norwegen in der Wikingerzeit haben, verdanken wir dem nordnorwegischen Häuptling Ottar. Er besuchte König Alfred von Wessex als friedlicher Kaufmann, während Alfred gleichzeitig mit anderen Wikingerhäuptlingen regelrecht Krieg führte.

Außer den westeuropäischen Schilderungen haben wir schriftliche Quellen von anderen Zeitgenossen der Wikinger ­ von reisenden Arabern und aus Byzanz. Kurzgefasste Inschriften sind uns in der Heimat der Wikinger ebenfalls hinterlassen worden ­ in Holz und Stein geritzte Runen. Die Geschichten der Sagas aus dem 12. und 13. Jahrhundert haben uns ebenfalls viel über die Wikingerzeit zu erzählen, obwohl sie viele Generationen nach der Zeit geschrieben wurden, die sie schildern. Welche Ursachen hatte die gewaltige Expansion im Laufe von nur wenigen Generationen? Stabile Staatsgründungen wie das Fränkische Reich und die angelsächsischen Königtümer in England hatten den Angreifern offensichtlich wenig entgegenzusetzen. Das Bild, das uns die schriftlichen Quellen vermitteln, ist vermutlich davon gefärbt; die Wikinger werden als schreckliche Räuber und Banditen dargestellt. Sicherlich waren sie das, aber sie müssen außerdem noch andere Eigenschaften gehabt haben. Einige ihrer Führer müssen höchst fähige Organisatoren gewesen sein. Zwar konnte mit Hilfe einer wirkungsvollen militärischen Taktik ein Krieg gewonnen werden; außerdem aber gründeten die Wikinger in eroberten Gebieten Königtümer.

Einige wie zum Beispiel in Dublin und York überlebten die Wikingerzeit nicht; Island aber ist noch immer eine blühende Nation. Das Wikingerkönigtum in Kiew wurde zur Basis des Russischen Reiches, und die Spuren des hervorragenden Organisationstalents der Wikingerhäuptlinge sind noch heute deutlich sichtbar auf der sie of Man und in der Normandie. In Dänemark hat man vom Ende der Wikingerzeit die Überreste von Verteidigungsanlagen gefunden, die als Sammelplatz für große Armeen dienten. Die Burgen sind kreisrund und in Quadranten aufgeteilt, mit quadratischen Gebäuden in jedem der vier Abschnitte. Die Burgen sind mit einer Präzision angelegt, die den ausgeprägten Sinn der Führer für Systematik und Ordnung bezeugt. Am Hof des dänischen Königs muss es gründliche Kenntnisse über Landvermessung und Geometrie gegeben haben. Eine Theorie schlägt als Ursachen für die Expansion in der Wikingerzeit Überbevölkerung und Ressourcenknappheit im Heimatland vor. Das archäologische Material bezeugt, dass parallel zur Expansion ins Ausland in dünn besiedelten Waldgebieten neue Höfe entstanden. Somit ist Überbevölkerung sicherlich ein mitwirkender Faktor. Eisengewinnung ist möglicherweise ein weiterer. Genügend Eisen, um für alle, die sich auf Kriegszug begaben, Waffen schmieden zu können, war für die Wikinger gleichbedeutend mit taktischer Überlegenheit.

Als Wikinger im engeren Sinne bezeichnet man heute die Skandinavier, die seit dem Ende des 8. Jahrhunderts bis zur Mitte des 11. Jahrhunderts übers Meer hinweg Westeuropa angriffen, im weiteren Sinne ist damit die skandinavische Gesamtbevölkerung samt ihrer Geschichte und Kultur in dieser Periode gemeint. Das Wort "vìking" stammt vermutlich aus Skandinavien, es erscheint aber auch in altenglischen Texten. Die Etymologie ist umstritten. Als erste Ableitungsmöglichkeit bietet sich "wic" an, entsprechend dem lateinischen "vicus"= Gehöft, Handelsplatz: Wikinger wären danach Personen, die Handelsorte angreifen. Gleichfalls ist eine Ableitung von "vík" = Bucht möglich: Wikinger wären Personen, die in Buchten fremden Schiffen auflauern. Denkbar ist auch ein Zusammenhang mit der südnorwegischen Landschaft Viken, die dann als eigendliches Herkunftsland der Wikinger zu gelten hätte. Schließlich könnte noch das altnordische Verb "vígja" = schlagen, Krieg führen, zugrunde liegen. Ein Ehrentitel war "víkingr" bei den Skandinaviern eigendlich nicht. Soweit die Sagas erwähnen, daß Leute einen Wikingerzug unternehmen ( "fára i víking" ), ist damit keine Dauerbeschäftigung anständiger Menschen gemeint, sondern eher so etwas wie eine Jugendsünde, die jeder hinter sich bringen muß. Die zeitgenössischen Quellen verwendeten übrigends andere Bezeichnungen für die Wikinger. In den lateinischen Chroniken heißen sie "Nordmanni" = Nordleute ( wohl wegen des im Schiffbau verwendeten Eschenholzes ) oder "Dani" = Dänen, und die Slawen nannten sie "Rus" = Ruderkerle, was von den Schriftstellern in Konstantinopel als " Rhos" wiedergegeben wurde.

Von 790 bis 1066 begründeten die Wikinger ein Zeitalter der Entdeckungen und des Handels..

Lindisfarne


Wikinger

Vom 8. bis ins 11. Jahrhundert hielten die Wikinger die Welt in Atem. Auf der Suche nach Land oder weil sie ausgestoßen wurden, verließen sie als Krieger und Entdecker ihre Heimat. Von Norwegen, Schweden und Dänemark aus fielen sie über ganz Europa her. Wie aus dem Nichts tauchten ihre Drachenschiffe auf und ebenso schnell verschwanden sie wieder. Als Eröffnungsfanfare des Wikingerzeitalter gilt der Überfall am 8. Juni 793 auf das Kloster Lindisfarne, auf der gleichnamigen Insel vor der nordöstlichen Küste Northumbrien gelegen ( heute Holy Island ). Allgemein endet die Wikingerzeit 1066 mit der Schlacht von Hastings, nach der sich England abkehrt von der nordischen Welt, der es bisher angehört hatte... ~~~> Allerdings: Der erste schriftlich bezeugte Wikingerüberfall wird in der Historia Francorum ,von Gregor von Tours, benannt. Der dänische König Chlochilaichum überfiel im Jahre 517 mit einer Flotte Gallien. .Er verwüstete und beraubte das Gebiet des Frankenkönigs Theudoricus und nahm etliche Gefangene. Die Flotte stach in See, der König blieb jedoch am Strand und musste auf die Flut warten. So konnte Theudoricus, Sohn Theudobertus, der mit einem starken Heer und Flotte anrückte, den König töten, die Dänen in einem Seegefecht besiegen und die Beute wieder zurückholen. Das Leben, das die Wikinger in ihrer kalten Heimat führten, wurde bestimmt durch Ackerbau, ( Roggen, Hafer, Gerste und Gemüse ), Viehzucht ( Schafe, Rinder,Ziegen ), Fischer ( Dorsch, Lachs, Forelle ) und Jäger ( Ren, Elch, Rotwild, Kaninchen, Bären ).

Aber die Wikinger waren auch kluge Händler, geschickte Seefahrer, ausgezeichnete Handwerker und Schiffsbauer. Sie handelten mit Waren bis nach Bagdad und kamen auf ihrer Landsuche sogar bis nach Amerika.

Krieger, Entdecker und Händler

Die Wikinger kamen als Abenteurer, Eroberer und Händler aus Norwegen, Schweden und Dänemark. Die Herkunft ihres Namens ist nicht eindeutig geklärt. Wahrscheinlich ist, dass sich der Name aus dem altnordischen Wort für "Wik", das Bucht bedeutet, oder von der Wortwurzel "Wig" für Kampf herleitet. In Frankreich nannte man sie Normannen oder Nordmannen. Die Wikinger lebten von Fischfang, Ackerbau und Viehzucht, doch der Mangel an fruchtbarem Land setzte ihnen Grenzen. Ende des 8. Jahrhunderts richteten sie ihre Beutezüge vor allem gegen die Britischen Inseln. Sie waren exzellente Schiffsbauer, großartige Seeleute und phantasievolle Künstler. Dank ihrer hochseetüchtigen Schiffe war es den Wikingern möglich, sich weit über die damals bekannten Horizonte hinauszuwagen. Auf der nördlichen Route über Schottland, die Faröer- und Shetland-Inseln, Irland und Island entdeckten und besiedelten sie Grönland und Neufundland. Es gilt als sicher, dass die Wikinger 500 Jahre vor Kolumbus Amerika entdeckten. Ausgrabungen in Neufundland beweisen, dass bis ins 14. Jahrhundert Handelsverbindungen zwischen Grönland und Nordamerika bestanden. Die Wikinger drangen über russische Flüsse nach Osteuropa vor, gelangten zur Halbinsel Krim, nach Konstantinopel und in den Orient. Es begann ein Zeitalter der Entdeckungen, des Handels und der Besiedelung. Zwischen dem 9. und 12. Jahrhundert war kein europäisches Land vor den Wikingern sicher. Über eine Zeitspanne von rund 300 Jahren entwickelte sich ein reger Schiffsverkehr. Dann brachen aus unbekannten Gründen Handel und Kontakte ab. Als keine Nachrichten mehr von Grönland nach Skandinavien kamen, sandte der norwegische König Magnus Eriksson Mitte des 14. Jahrhunderts eine Expedition aus, um nach dem Schicksal der Grönlandwikinger zu forschen. Sie fanden nur verlassene Siedlungen und Mauerreste. Wahrscheinlich verschwanden die Wikinger, als sich das Klima änderte. Das Inlandeis rückte immer weiter an die Sielungen der Küste heran und das Treibeis begrub die Fjorde. Die Lieder der Edda und die nordischen Sagas beschreiben das abenteuerliche Leben der Nordmänner. Die Sagas und Dichtungen wurden mündlich überliefert und erst Jahrhunderte nach der Wikingerzeit aufgeschrieben. Die Wikinger selbst hinterließen lediglich Runensteine mit Inschriften

Die Frauen

Wikingerfilme transportieren das Bild von dem Nordmann, der sich stets unter seinesgleichen aufhält und in einer Männergesellschaft lebt. Frauen sind Randfiguren, kommen eigentlich nur als Opfer vor oder als Beutestücke, um deretwillen sich Männer die Schädel einschlagen. Es mag mit der historischen Wirklichkeit übereinstimmen, daß bei den Raubzügen der Wikinger keine Frauen dabei waren. Aber die Fährten über See machten nicht die einzige Beschäftigung der Wikinger aus, sie waren immer noch und in erster Linie Bauern, die daheim, oder wenn sie sich in der Fremde niederließen, einen Hof bewirtschafteten. Und dazu bedurfte es der Frauen, und zwar solcher, die zupacken konnten und Autorität besaßen. Regis Boyer weist darauf hin, daß nicht von ungefähr die skandinavischen Länder "zur spektakulärsten Avantgarde der Gleichberechtigung" gehören- die Frauenemanzipation kann sich demnach unter anderem auf wikingisches Erbe berufen. Zwar hatte der Mann die Vormundschaft über die Frau, und sie war von allen öffentlichen Angelegenheiten ausgeschlossen, vertrat sich auch nicht selbst vor Gericht, aber ihr waren klare Rechte zuerkannt, etwa der Anteil an der Erbschaft und die Möglichkeit, bei Impotenz des Ehemannes oder ständigen Beleidigungen durch Ihn die Auflösung der Ehe zu verlangen, unter Rückerstattung des Heiratsgutes. Die Bäuerin besaß die Schlüsselgewalt auf dem Hof, und war der Mann auf Fahrt oder verstorben – was oft genug das Resultat solcher Fahrten war-, dann herrschte die frau uneingeschränkt über das Anwesen und führte das Zepter über alle dort Ansässigen, die Konkubinen eingeschlossen, falls ihr Mann welche hatte. Sie wachte über die Vorräte, hielt das Haus in Ordnung, zog die Kinder auf und war auch für die medizinische Versorgung zuständig. Respekt und Verehrung, die der Frau entgegengebracht wurden, sind in Grabfunden dokumentiert, am eindrucksvollsten in Oseberg: Die reichhaltigste je entdeckte Grabstätte birgt ja nicht die Überreste eines Mannes, sondern die einer Frau mit Begleiterin. Und Funde, die Archäologen in den Frauengräbern der Wikingerniederlassungen in Rußland machten, ergaben, daß ein ganzer Anteil von ihnen die typischen Händlerbeigaben, Waagen und Gewichte, aufwies – Frauen waren dort also auch als Kaufleute tätig. Die Sagas enthalten einige Porträts von Frauen, die souverän und selbstbewusst in ihrem Bereich walten und – wenn nötig – das Heft auch ganz in die Hand nehmen, wie die berühmte Unn, die bei der isländischen Landnahme eine bedeutende Rolle spielte. Es tauchen darin aber auch Frauengestalten auf, die wie die bösen Geister ihrer Familie wirken, Rächerinnen, die ihre Männer oder Söhne aufhetzen und so das Räderwerk der Blutrache am Laufen halten ...

Die Kultur

Aufgrund von Funden und Ausgrabungen lässt sich inzwischen ein erstaunlich konkretes Bild einer Kultur zeichnen, von der nur wenig schriftliche und bildliche Überlieferungen aus verzerrter christlicher Sicht überliefert sind. Entgegen landläufigen Vorstellungen waren übrigens 95 % der Wikinger sesshaft, und nur ein kleiner Anteil auf hoher See unterwegs. Insofern ist der dem Skandinavischen entlehnte Name Wikinger durchaus irreführend, bezeichnet er doch Skandinavier auf Beutefahrt, also beim Plündern, Morden oder Handeln. Die Kleidung der Wikinger zeigt sowohl regionale als auch Standesunterschiede. Während Sklaven einfache und ungefärbte Kleidung trugen, gab es für Männer wie für Frauen auch vergleichsweise farbenprächtige Kleidungsstücke, zum Teil mit Goldperlen und -fäden und Stickereien verziert. Schuhe waren nicht überall üblich, aber in einigen Siedlungen vorhanden. Auch eine eigene Frisurenmode lässt sich ausmachen, die abweicht vom seeräuberähnlichen Bild des wilden und ungepflegten Wikingers. So nahm denn auch die Herstellung der Kleidung neben der Zubereitung von Speisen den wichtigsten Teil der häuslichen Tätigkeiten bei den Wikingern ein. Aber auch die Zubereitung der beiden täglichen Mahlzeiten am Morgen und am Abend nahm viel Zeit in Anspruch, wobei die Speisen sich vor allem nach dem vor Ort verfügbaren Angebot richteten.

Neben Fisch und Getreide standen Tiere (vor allem Lamm, Rind, Schwein, Ziege und Pferd, hier und da auch Hunde, Katzen und Gänse) sowie Wildkräuter und -früchte auf dem Speiseplan vieler Wikinger. Kohl, Erbsen und Zwiebeln gehörten zu den wichtigsten Gemüsearten, also Gemüse, die die skandinavische Volksküche bis heute prägen. Wo kein Getreide angebaut wurde, hat man Brot sogar aus Erbsen und Kiefernborke hergestellt. Insbesondere die Getreideprodukte enthielten durch die groben Mühlsteine immer wieder Kies und andere Verunreinigungen, so dass schlechte Zähne die logische Folge waren. Salz zur Haltbarmachung von Speisen wurde aus Meerwasser gewonnen. Auch Einlegen in Salzwasser oder Trocknen waren als Konservierungsmethoden bekannt. Die Wikingerfrauen stellten Bier und Met her, auch Obstweine waren bekannt. Dabei wohnten die Familien überwiegend in Gemeinschaftshäusern oder auf großen Gutshöfen. Auch die Sauna war bereits erfunden: In einer Art Schwitzbad fand auch die Körperpflege statt. Die einzelnen Siedlungen waren weitgehend autark. Die Nahrung wurde selbst hergestellt bzw. konserviert, die notwendigen Geräte wurden selbst geschnitzt, auch die angesehenen Schmiede waren in jeder größeren Ansiedlung vertreten. Filigrane Holzschnitzereien trauen die wenigsten der wikingischen Kultur zu. Doch in der Tat gab es, vor allem in den größeren Siedlungen Spezialisten für kunsthandwerkliche Tätigkeiten und Verzierungen aller Art. Dabei hatten die kunsthandwerklichen Verzierungen als solche keinen praktischen Wert, zierten aber fast ausschließlich Gebrauchsgegenstände. Erst jung ist die Beschäftigung mit den geistigen Hintergründen der Darstellungen und kunsthandwerklichen Motive der Wikinger. Doch gerade die Verwurzelung in der germanischen Mythologie hat geholfen, die scheinbaren Widersprüche zwischen dem wilden und rohen Krieger und dem kunsthandwerklich und ästhetisch versierten Wikinger aufzulösen. Nur die Wikinger, die im tapferen Kampf fielen, gelangten in das Kriegerparadies Valhall. Die überraschende Toleranz der Wikinger in Bezug auf die Religion sogar innerhalb der eigenen Familie erklärt die Schwierigkeiten der christlichen Missionierung: Für viele Wikinger war es unproblematisch neben ihren eigenen religiösen Vorstellungen eine weitere zu übernehmen, ohne sich dabei vom bisherigen Glauben lösen zu müssen. Mehr als einmal haben sich scheinbar missionierte Wikinger als sehr flexibel erwiesen, und haben aus beiden Glaubensrichtungen quasi die Rosinen herausgepickt, d.h. christliche Elemente aufgenommen, ohne sich eindeutig zum Christentum zu bekennen. Auch traten viele Wikinger angesichts der von Christen angedrohten Apokalypse zur ersten Jahrtausendwende "vorsichtshalber" zum Christentum über. Dennoch hat die schrittweise Übernahme christlicher Einflüsse letztlich zum allmählichen Verschwinden einer eigenen Wikingerkultur und zur Anpassung an die mitteleuropäische mittelalterliche Kultur beigetragen. Gänzlich neu für die Wikinger war die Unterscheidung zwischen Gut und Böse im Christentum, da ihnen moralische Kategorien im mitteleuropäischen Sinne fremd waren. Sie unterschieden zwischen nützlichen und bedrohlichen Kräften und glaubten nicht an eine überirdische richtende oder strafende Instanz, was zum Ruhm ihres Muts und der fehlenden Angst beigetragen haben mag. Die ersten Missionierungsversuche fallen schon in das 9. Jahrhundert, als der heilige Ansgar von Hamburg und später - nach einem Wikingerüberfall - von Bremen aus versuchte, die Wikinger zu christianisieren. Seine Reisen führten ihn bis nach Birka auf der Höhe des heutigen Stockholm. Der Thing war die Versammlung der freien Wikinger bzw. - in Zeiten der sich bildenden regionalen oder staatsähnlichen Gebilde und schließlich der skandinavischen Staaten - ihrer Anführer. In zum Teil tage- oder wochenlangen Treffen unter freiem Himmel, häufig zur Zeit der Sommersonnenwende, wurden Regeln und Gesetze ausgearbeitet und Urteile in Streitfällengetroffen.

Sprache

Es kam den Wikingern sehr zugute, daß sie sich in einem einigermaßen einheitlichen Sprachraum bewegten. Das Schwedische, Norwegische oder Dänische war zu ihrer Zeit noch nicht voll ausgebildet und die von allen benutzte altnordische Sprache ( dönsk tunga genannt ) eine Entwicklungsstufe des Nordgermanischen, wurde in Skandinavien, Island und Grönland wie auch in den wikingischen Kolonien auf den Färöern, Orkneyinseln, Shetlandinseln, Hebriden, Irland, der Isle of Man, Schottland, England und der Normandie gesprochen. Auf Island hielt sich das Altnordische über die Wikingerzeit hinaus bis heute. Nur die Aussprache und gewisse Bereiche des Vokabulars erfuhren Veränderungen, ansonsten ist die Sprache der Isländer der Gegenwart das ihrer wikingischen Vorfahren.

Schrift

Die Schrift der Wikinger bestand aus Runen. Die älteste bekannte Runenschrift ( auf einer Speerspitze in Norwegen gefunden ) stammt aus dem 2. Jhd. Vorraussetzung für das Enstehen der Schrift war der Kontakt der Germanen mit dem römischen Imperium. Aus mediterranen ( griechisch, etruskischen, römischen ) Alphabeten, vielleicht auch unter Verwendung einheimischer Sinnzeichen, entwickelte sich eine Schrift mit 24 Buchstaben ( älteres Futhark genannt ). Sie wurde Anfang des 8. Jhd. von einer auf 16 Zeichen reduzierten Version abgelöst ( jüngeres Futhark genannt ), die sich in Skandinavien das ganze Mittelalter über hielt, in einzelnen Regionen sogar noch bis zur Neuzeit hinein.

Schiffe

Ihre historische Haupleistung vollbrachten die Wikinger bereits vor der eigendlichen Wikingerzeit. Sie entwickelten ein seetüchtiges Segelfahrzeug, mit dem sich große Distanzen bewältigen ließen. Das Wikingerschiff, in Klinkerbauweise auf einem durchgehenden Kiel errichtet, mit hochgezogenem Steven an Bug und Heck, Rahsegel, seitlich angebrachter Steuereinrichtung und paarweise angeordneten Riemen, wurde mit der Meersdünung fertig, und dank seines geringen Tiefgangs konnte man auch Flüsse befahren. Selbst der Transport über Land, etwa über eine Wasserscheide, war möglich. Dazu legte man dem Schiff Rundhölzer als Rollen unter und schob es vorwärts.

Bau

Darstellungen auf gotländischen Bildsteinen und Funde von Gokstad, Haithabu, Oseberg, Skuldelev und Tune geben Aufschluß, wie das mit Segeleinrichtung ausgestattete Wikingerschiff aussah und worin sein Bauprinzip bestand. Wie beim alten Einbaum machte der leicht nach außen gebogene Kiel, möglichst aus einem Stück, den Anfang. Daran wurden die beiden Steven angesetzt. Es folgten die Planken in mehreren Gängen übereinander, mit Eisenstiften vernietet. Die Fugen wurden mit Kuhhaar gedichtet. Kiel, Steven und Planken bestanden aus Eichenholz, das den Vorteil großer Festigkeit hatte. Erst wenn die Wände standen, wurden die Spanten eingezogen. Außenhaut und Spanten wurden mit Holznägeln, teilweise auch mit festgezurrtem Tauwerk verbunden, was dem Schiffskörper Elastizität verlieh. Rudereinrichtungen wurden beibehalten, bei Handelsschiffen waren es nur wenige Riemenpaare, bei Kriegsschiffen wesentlich mehr. Feste Sitzeinrichtungen gab es nicht, man nimmt an, daß die Schiffer auf Seekisten saßen, in denen sie ihre Habe verwahrten. Die Oberkante des Bootkörpers war durch eine dicke Bohle verstärkt, darunter befanden sich runde Öffnungen, durch die die Riemen hinausgeschoben wurden; wenn das Schiff segelte, wurden die Öffnungen mit runden Scheiben verschlossen. Das Wikingerschiff besaß einen Mast, der mittschiffs in einem Kiel aufgesetzten massiven Balken gesteckt war. Man konnte diesen Mast auch herausnehmen. Aufrecht wurde er gehalten durch Wanten und Stage aus Hanf oder Seehundsleder. Das Segel hatte die Form eines Rechtecks und bestand aus zusammengenähten Stoffbahnen, über die wiederum Tauwerk zur Erhöhung der Festigkeit gezogen war. Gesteuert wurde mit einem massiven Ruder, daß achtern an der rechten Seite angebracht war. Man schmückte die Schiffe mit vergoldeten Standarten, verzierte die Stevenbretter mit Schnitzereien und wandte besonders viel Sorgfalt und bizarre Phantasien auf die Stevenaufsätze, die als Tier- oder Drachenköpfe ausgestaltet wurden.

Grösse

Wikingerschiffe variierten nach Zweckbestimmung. Bei den Kriegsschiffen, auch als Langschiffe bezeichnet, gab es nach archäologischen befunden Versionen zwischen 18 und 36 Meter Länge , bei Breiten zwischen 2,60 und 4 Meter. Sie waren nur geeignet für Einsätze in den Küstengewässern von Nord- und Ostsee, rund um die britischen Inseln oder den Gastaden des fränkischen Reiches . Transatlantikfahrten werden mit den Knorren unternommen worden sein. Kürzer als das Langschiff. Dafür aber breiter, hochbordiger und instgesamt stämmiger gebaut, konnte ein Knorr Lasten bis zu 40 Tonnen tragen.

Besatzung

Ganz gleich auf welcher Art Schiff der Wikinger unterwegs war, weder Kriegsschiffe noch Frachter boten einen gemütlichen Aufenthalt. Es gab an Bord keine warmen Kajüten. Die Besatzung war allen Unbilden und Witterungen ausgesetzt. Während eines Seetörns lebten sie ausschießlich von kalter Verpflegung, denn Feuer wurde an Bord nicht geduldet. Sie aßen Fladenbrot, Stockfisch, geräuchertes oder gesalzenes Fleisch. Getränke wurden in Lederschläuchen mitgeführt. Große Säcke aus Fell dienten bei Nacht als Schutz ( Schlafsäcke ). Alles in Allem, die Männer mussten hart im nehmen sein...

Waffen

Viel besaßen die Wikinger nicht, um sich im Gefecht zu schützen. Lederkappen, Lederjacken oder gepolsterte Wolljacken mussten für die meisten genügen. Richtige Helme mit Nasenschutz und Augenumrandung werden nur die wenigsten getragen haben, ebenso dürften Kettenpanzer, wie sie der Wandteppich von Bayeux zeigt, unter den seefahrenden Nordmännern Raritäten gewesen sein. Hauptschutzwaffe war der Schild, aus leichtem Holz gefertigt, kreisrund und mit einem Buckel in der Mitte, zum Schutz des Handgriffes. Einen Kult dagegen trieb der Wikinger mit seinen Angriffswaffen, am meisten mit dem Schwert. So hoch auch das Schmiedehandwerk im Norden in Ansehen stand, die besten Klingen lieferte allerdings damals das Frankenreich. Seit dem 8. Jhd. kannte man dort spezielle Verfahren, einen Stahl herzustellen, der höchste Ansprüche an Elastizität und Härte genügte. Den nordischen Handwerkern blieb nur, der Importware Griffe zu montieren. In deren kunstvoller Ausgestaltung allerdings zeigten sie sich als Meister, das ist an zahlreichen archäologischen Funden zu erkennen. Es konnte sich jedoch nicht jeder ein Schwert leisten, Hauptwaffe der Nordmänner war daher die Axt. Es gab sie in verschiedenen Ausführrungen, mit langem oder kurzem Schaft, mit breiter, auseinandergezogener oder mit bartförmiger Klinge. Die Axt fand neben ihrem Einsatz im Kampf vielfältige zivile Nutzung, dem Landmann war sie immer zur Hand, und genauso bediente sich ihrer der Schiffbauer. Zur Grundausstattung gehörten weiter ein Messer und eine Art Kurzschwert, das Sax. Als Fernwaffe kannten die Wikinger Pfeil, Bogen und Speere, die allerdings nicht nur geworfen wurden, sondern auch im Nahkampf zum Stoß eingesetzt wurden.

Kleidung

Wikingische Kleidung, jedenfalls die Grundausstattung, war aus Stoff gefertigt, oberstes Prinzip war Zweckmäßigkeit. Die Männer trugen Hosen, die entweder lose herunterhingen ( wie heutige Herrenhosen ) oder mit dem Fuß verbunden waren ( wie Skihosen). Auch Pumphosen oder Kniebundhosen existierten. Unter der Hose trugen sie eine Unterhose. Den Oberkörper bedeckte eine Tunika, die bis hinunter zu den Oberschenkeln reichte. Möglich war auch ein Hemd mit viereckigem Halsausschnitt und langen Ärmeln. Den Kopf schützte eine Kappe aus Filz oder Leder oder auch- besonders auf See gebräuchlich- eine Kapuze, deren Unterteil über die Schulter fiel. Die Schuhe in Stiefelettenform waren aus Leder gefertigt und bisweilen durch eine Sohle verstärkt, eine durch Schlaufen geführte Kordel hielt sie über dem Knöchel zusammen. Mäntel im heutigen Sinne gab es nicht, dafür Umhänge aus einer einzigen Stoffbahn, die mit ovalen Broschen zusammengehalten wurde. Auch bei der Frauenkleidung dominierten die Nützlichkeitserwägungen. Ob es schon Unterwäsche gab, ist nicht bekannt. Wichtigstes Kleidungsstück war ein knöchellanges Gewand, daß sich über beiden Brüsten öffnen ließ- um Säuglinge jederzeit stillen zu können. Über diesem Gewand trug die Frau eine Art Schürze, ein quadratisches Stück Stoff, das bei entsprechender Breite um den ganzen Körper geschlungen wurde. Als Haartracht wählte die Wikingerfrau den "Pferdeschwanz" oder einen Knoten. Die Haare waren, bei verheirateten Frauen, mit einer Art Kopftuch bedeckt. Um die Schultern ließ sich ein Schal legen, dessen Enden über der Brust mit einer Brosche oder Fibel zusammengeheftet waren. Männer- wie Frauenkleidung war " home-made": Spinnen, Weben, Schneidern waren Tätigkeiten, die zu Hause ausgeübt wurden. Man verstand sich auch darauf, Textilien durch Walken wind- und wasserabweisend zu machen und sie antibakteriell ( mit Walnußsud ) zu behandeln. Sogar das Daunenfutter war schon erfunden: Winterkleidung wurde aus doppelten Stoffbahnen gefertigt, zwischen die eine Füllung aus Daunen und Federn eingelegt war. Wer konnte, hüllte sich natürlich in prächtigere Gewänder. Ein Hang zum Kleiderluxus war den Wikingern eigen, jedenfalls den Wohlhabenden unter ihnen. Zu der kostbaren Ausstaffierung mussten Importe herhalten: Samt, Seide, Scharlach und edle Pelze. Frauensache war es dann wiederum, sich mit Ringen, Armreifen und üppig ausgestalteten Broschen zu schmücken.

Wohnen

Vorherrschende Siedlungsform in Skandinavien war das Einzelhaus. Dörfer gab es kaum, die Höfe lagen weit über das Land verstreut. Auch das Städtewesen war wenig entwickelt, eine Anlage wie Haithabu mit seinen ca. 1000 Einwohnern galt schon als etwas sehr Besonderes. "Klassische" Form des Wikingerhauses war das aus dem eisenzeitlichen Hallenhaus hervorgegangene Langhaus. In einem langgestreckten Zentralraum hausten ursprünglich Mensch und Tier nebeneinander. Auch wenn das Vieh inzwischen meist in Ställe ausquartiert war, blieb es bei der Nutzung des einen Raumes für Schlaf- Wohn und meist auch Arbeitszwecke. Fenster hatten diese Häuser nicht, nur einen Rauchabzug im Dach. Für Beleuchtung sorgten Öllampen, für Heizung und Kochzwecke ein Feuer, das in einem Graben längs der Hausmitte unterhalten wurde. Vor den Seitenwänden waren über die gesamte Länge Holzpodeste gezogen, auf denen man saß oder schlief. Wandteppiche schufen ein wenig Wohnlichkeit. Für das Familienoberhaupt gab es einen erhöhten Sitz, dessen Pfosten mit Schnitzereien bedeckt waren. Die Hauskonstruktionen variierten je nach Region. Wo genügend Holz vorhanden war, errichtete man die Häuser auch ganz aus Holz, die Wände bestanden dann entweder aus Stämmen in Blockbauweise oder aus Bohlen, die in Balkenrahmen eingelassen wurden. In waldärmeren Gegenden ersetzte man die Bretterwände durch Flechtwerk, das mit Lehm beworfen wurde. Auf den nordatlantischen Inseln wurden die Häuser weitgehend aus Steinen und Grasoden errichtet, das kostbare Holz blieb für die Dachkonstruktion und die Tragpfeiler reserviert. Dem Langhaus konnten sich weitere Bauten anschließen: Ställe, Vorratshäuser, eine Schmiede, eine Molkerei und ähnliches, dazu auch das Dampfbad ( sehr beliebt, man übergoss heiße Steine mit Wasser, und fertig war die Schwitzkammer ) und der Abort. Mit dem Haus verbanden sich sakrale und rechtliche Vorstellungen. Eine Einzäunung rund um das Anwesen machte es zu einem geheiligten Bezirk.

Burgenbau

Die Wikinger verstanden sich durchaus auf das Belagerungswesen. Bei ihren Raub- und Eroberungszügen im Frankenreich und auf den britischen Inseln gelang es ihnen, gegebenenfalls unter Einsatz von schwerem Gerät und Minierkünsten aller Art, so manche befestigte Anlage einzunehmen. Weniger sicher ist jedoch, ob und welche Burgen sie selbst erbauten. Hinter vielen Zuschreibungen setzt die Forschung inzwischen Fragezeichen, die betreffenden Burgen können auch von anderen errichtet worden sein. Lediglich aus der Spätzeit gibt es Beispiele von Kriegsarchitektur, die sich mit den Wikingern in Verbindung bringen lassen, neben dem Danewerk sind dies die Militärlager von Trelleborg, Fyrkat, Nonnebakken und Aggersborg, riesige Anlagen mit kreisrunden Wällen und symmetrisch angeordneten Wohnhallen, in denen hunderte von Soldaten unterkommen konnten. Diese Anlagen wurden vom dänischen Königtum geschaffen- teils waren sie als Zwingburgen für das eigene Land gedacht, teils wurden hier die Heere für die Englandinvasionen vorbereitet, teils dienten sie der Verteidigung gegen äussere Angriffe.

Bestattungen

Bei Bestattungen wurde äußerster Prunk entfaltet. Man kleidete den Toten in seine besten Gewänder, gab ihm Speisen, Waffen, Schmuck, auch Tiere mit. Hochgestellten Personen wurde verschiedentlich auch eine vertraute Person als Begleitung mit in´s Grab gesenkt, ob lebend, wie es der arabische Reisende Ibn Rustah behauptet, ist allerdings zweifelhaft. Der Tod wurde als " Aufbruch zu neuen Ufern" ( R.S.) angesehen, nicht von ungefähr haben deshalb Grabmonumente oft die Form eines Schiffes, es wurden teilweise auch richtige Schiffe für die Bestattung verwendet, wohl diejenigen, in denen der Tote zu Lebzeiten über die See gefahren war. Über die Schiffe wurden dann Sand und Steine geschüttet. Eine andere Form war die Verbrennung von Schiff und Mann mit anschließender Erdbestattung der Reste; das erklärt die eisernen Schiffsnieten, die zusammen mit der Asche in den Grabhügeln gefunden wurden. Eine dritte Methode ist nur literarisch überliefert, eine Bootsbestattung, bei dem man den Toten in seinem brennenden Schiff aufs Meer hinaus segeln ließ (Die Edda schildert eine solche Totenfeier für den ermordeten Balder.). Bei Bestattungen waren juristische Formen zu beachten. Gesetz und Recht, die das öffentliche Leben der Wikinger in hohem Maß bestimmten, sahen auch für den Tod genaue Rituale vor. Der Verstorbene musste "richtig" Tod sein, sonst bestand die Gefahr, das er als Gespenst umging. Das war der Fall, wenn man ihn nicht vorschriftsmäßig bestattet hatte, wenn er in einer juristisch unklaren Situation gestorben war oder wenn er nicht damit zufrieden war, wie die Erben mit seinem Nachlass umgingen. In solchen Fällen wurde dem Toten noch der Prozeß gemacht, man verurteilte ihn dazu, wirklich Tod zu sein. Aber auch die Lebenden hatten die vorgeschriebenen Rituale zu achten. Ein Toter galt erst dann als Tod, wenn die Bestattungsfeierlichkeiten stattgefunden hatten und die Erben ihre Trinkgefässe zu Ehren des Verstorbenen geleert hatten. Eine genau markierte Grenze zwischen Tod und Leben gab es dennoch nicht; davon künden die Totenbeschwörungen und Traumerscheinungen Verstorbener in den Sagas und den Liedern der Edda.

Beerdigungsriten

Das älteste germanische Grab aus der Steinzeit, ist eine kleine Stube, welche aus wenigen Tragsteinen errichtet war. In dieser lag oder saß der Tote mit seinem Geschirr, Waffen und Schmucksachen. Eine andere Form der Gräber zur damaligen Zeit waren die sogenannten Riesenstuben, in den 20-30 und manchmal sogar bis zu 100 Leichen lagen. Der Grabbau diente dem Schutz der Toten, damit sie ihr Leben fortsetzen können. Man glaubte damals das die Seelen durch diese Gräber nicht zugrunde gehen könnte, und somit ihr Dasein fortsetzen konnte. Neben der Beerdigung gab es auch die Verbrennung der Leichen (namentlich in der nordischen Bronzezeit aufgetaucht). In der altgermanischen Sprache nannte man den Leib "lik-hamo" was soviel wie Umhüllung bedeutet und ist somit für das "Dauernde" nicht notwendig. Durch die Verbrennung wurden auch die Gräber immer kleiner. Einer neuer Glauben kam auf, nämlich das wenn man die Totengabe mit der Leiche verbrennt, diese ihm ins "bessere" Jenseits folgt (ein jeder wird in Walhall besitzen, was auf seinen Scheiterhaufen gelegt wird). Die Beerdigungen änderten sich - es war die Zeit der Wikinger. In dieser Epoche wurden die edlen Krieger samt ihrer Rüstung, ihrer Pferde und sogar ihrer Schiffe begraben. Ein Brauch war es den Leichnam in sein oder ein anderes Schiff zu legen und dies mit all seine Habseeligkeiten anzuzünden. Man unterscheidet in der nord. Literatur zwischen Brennzeitalter und Hügelzeitalter.

Humor

In einer Schlacht bei Dublin fliehen die Wikinger scharenweise vor dem Feind. Nur einer bleibt stehen und bindet sich in aller Ruhe die Schnürsenkel. Die Verfolger erreichen ihn und fragen, warum er nicht auch fliehe. Der Mann antwortet:" Bis nach Hause schaffe ich es heute sowieso nicht mehr. Ich bin aus Island" Von dieser Antwort entwaffnet, schenken sie ihm sein Leben. Diese Anekdote findet sich in der Njals-Saga. Ob die Wikinger Humor besaßen? Angesichts der geringen Zahl an authentischen Lebenszeugnissen ist eine solche Frage schwer zu beantworten. Régis Boyer weist auf die eigentümlichen Festbräuche der Wikinger hin: Man pflegte in kunstvollen Formen Neckereien und Witze vorzutragen ( auf Kosten Anwesender, versteht sich), die manchmal so gepfeffert waren, daß Prügelei und Totschlag daraus erwuchsen. Boyer zitiert auch humorvolle Runeninschriften. Die schönsten Beispiele liefern natürlich die Sagas. Wenn man ihnen glauben darf, war der Wikinger wenigstens ausreichend mit schwarzem Witz und Galgenhumor gesegnet. Zum Beispiel: Einer wird vom Speer durchbohrt und meint dann:" Die breiten Spiesse sind jetzt modern". Ein anderer, der seinem Gegner gerade das Bein abgeschlagen hat:" Du brauchst nicht drauf zu schauen, es ist genauso, wie es dir vorkommt: Das Bein ist ab." Ein Dritter, der beim Einbruch vom Hausherren einen Stoß mit dem Spiess abbekommen hat, erwidert auf die Frage seiner Kumpane, ob der Mann zu Hause sei: "Sein Spiess ist jedenfalls zu Hause."

Armut 

 "Leben ist besser, auch leben in Armut:/ Der Lebende kommt noch zur Kuh. / Feuer sah ich rauchen in des Reichen Haus, / Doch er lag tot vor der Tür." Die Sinnsprüche der Hávamál Geißeln die Überheblichkeit des Reichen und geben dem Armen Zuversicht, daß es mit ihm auch wider aufwärts gehen kann. In der Wikingergesellschaft, die ohnehin keine des Überflusses war, gab es durchaus Fürsorge für die Bedürftigen; "die Gemeinschaft wandte sich keineswegs von ihrem Elend ab" ( R.B.). Arme konnten sich darauf verlassen, daß man sie für bestimmte Zeit in einem Haus duldete; danach gingen sie zum nächsten.

Thing

Das Thing, die alte germanische Volks – und Gerichtsversammlung, lebte in Skandinavien der Wikingerzeit fort. Zum Thing hatten alle freien, waffenfähigen Männer zu erscheinen. Die Versammlungen fanden unter freiem Himmel an bestimmten traditionellen Plätzen statt, sie konnten Tage und sogar Wochen dauern. Jedermann hatte freies Rederecht. Zum Thing fand sich eine Region zusammen – ein eng begrenzter Nachbarschaftsbezirk, eine oder mehrere Landschaften oder, wie im Fall des isländischen Allthing, ein ganzes Land. Termin für das Thing war zumeist im Frühjahr und Herbst, ein Thing konnte aus gebotenem Anlaß aber auch zu anderen Zeiten einberufen werden. Die administrative Kompetenz des Things erstreckte sich auf alle öffentlichen Angelegenheiten innerhalb des jeweiligen Thingbezirks, etwa die Organisation des Heerwesens, Abgaben an den König oder ( in christlicher Zeit ) an die Kirche. Auf den großen Landesthingen erfolgten auch Entscheidungen über Krieg und Frieden oder, wie in Island im Jahr 1000, über die Annahme eines neuen Glaubens. Den meisten Raum auf den Versammlungen nahmen jedoch die Gerichtsverhandlungen ein. Parteien, denen nicht gelungen war, ihre Rechtshändel durch Vergleich zu beenden, riefen das Thing ein. Dort wurde der Rechtsstreit dann öffentlich verhandelt, ein Urteil gefunden und verkündet. Den Rechtsgewohnheiten der Zeit entsprechend, fand jedoch keine Vollstreckung des Urteils statt. Diese war Sache desjenigen, der den Prozeß gewonnen hatte, und scheiterte oft genug an den realen Machtverhältnissen. Die Tradition des Things als Volksversammlung hielt sich, wenn auch in gewandelter Form, durchs Mittelalter bis in die Neuzeit; noch heute führt das norwegische Parlament den Namen Storting (= großes Thing ), und auf Island heißt das entsprechende Organ nach wie vor Allthing.

Jagd

In den kargen Gebieten Nordeuropas, vor allem in den polaren Regionen, wo Viehhaltung nur eingeschränkt und Ackerbau gar nicht möglich waren, spielte die Jagd eine große Rolle. Das Kleinwild fing man hauptsächlich in Fallen, während Hirsche, Bären und Wildschweine mit Hunden gehetzt und mit Wurfspeeren oder Pfeil und Bogen erlegt wurden. Weitere Jagdobjekte: Tordalken, schwerfällige Meeresvögel. Die Jagd hatte auch ökonomische Aspekte: Pelze und Walrosszähne ( von den auf Island und Grönland heimischen Walrössern ) waren begehrte Exportartikel.

Handel

Das die Wikinger auch Händler waren, weiß wohl inzwischen jeder der sich mit dieser Kultur beschäftigt. Allerdings muss man dazu sagen, daß nicht alle Händler ihre Waren selbst herstellten. Auch dem wikingischen Handel war Gewalt nicht fremd. Vielfach kam der Händler nicht auf "reelle" Weise zu seinen Gütern, sondern presste sie den unterworfenen oder sonst wie abhängigen Völkern als Tribut ab. Der Kaufmann Ottar, der dem angelsächsischen König Alfred dem Großen Rede und Antwort stand, berichtet von solchen Praktiken: Hoch im Norden, bei den Finnen, sammelt er seine Waren ein; er ist der Herr, und die anderen müssen liefern, Pelze, Felle, Vogelfedern, Walbein und Schifftaue, die aus der Haut von Seehunden oder Walen gedreht sind. Mit seinem Schiff bringt er die Waren nach Haithabu und verkauft sie dort. Tribut einzutreiben war auch die Grundlage des gern als "friedlich" gerühmten Handels der Waräger im europäischen Russland. Über vier Routen wurde der wikingische Handel abgewickelt: Die westliche Route lief in einem Strang von Skandinavien hinüber zu den britischen Inseln und von dort weiter nach Island und Grönland und in einem zweiten durch den Ärmelkanal und an der französischen und spanischen Atlantikküste entlang bis ins Mittelmeer. Die Nordroute führte an der norwegischen Küste entlang ums Nordkap und durch das Weiße Meer bis zum heutigen Murmansk oder Archangelsk. Die dritte Route hielt sich innerhalb der Ostsee; sie fand in der Rigaer Bucht Anschluß an die vierte, die Ostroute. Diese war mehr ein Netz, das das ganze europäische Russland überspannte. Auf den russischen Seen gelangten wikingische Kaufleute bis ins schwarze Meer und nach Byzanz, sie fuhren auf der Wolga bis ins kaspische Meer und gerieten so in Kontakt mit dem Kalifat von Bagdad. – In Frage kamen als Handelsgüter nicht unbedingt preiswerte Massengüter, sondern eher teure Waren in kleinen Mengen: Leder und Pelze vor allem aus Nordnorwegen und Nordschweden, Walrosselfenbein, Steatit ( Speckstein, das Allroundmaterial zur Herstellung von Gebrauchsgegenständen ) und Bernstein von der Südküste der Ostsee. Diese aus seiner "Heimat" stammenden Waren verhandelte der Wikingerkaufmann auf den Märkten etw in Frankreich und nahm dafür Salz und Wein an Bord. In England erwarb er Weizen, Zinn, Honig und Silber, am Rhein Töpfer – und Glaswaren, Textilien und die Produkte der fränkischen Waffenschmieden. Aus den slawischen Gebieten wurden Wachs und Honig importiert. In Byzanz und an den Kreuzungspunkten der Ostroute mit den Handelswegen aus Innerasien und dem Kalifat kaufte er Seide, Gewürze, Goldschmiedearbeiten und Wein. Und lebende Fracht nahm er, wo er sie bekommen konnte. Es gab zu dieser Zeit auch schon Handelverträge. Aus dem Verkehr der Waräger und Byzantinern ist ein Handelsvertrag überliefert, der Pflichten und Rechte der Wikingerkaufleute auch im Detail ( zum Beispiel Einhaltung festgesetzter Höchstpreise ) fixierte.

Handwerk

Was die Wikinger an Werkzeug, Arbeitsgerät, Haushaltswaren und Kleidung brauchten, stellten sie sich meist selbst her. "Jeder Mann war Metzger, Bäcker, Schneider, Kürschner, Förster zugleich." (R.B.). Auch der Bau eines Hauses war Sache der zukünftigen Bewohner. Handwerkliches Geschick war geradezu das Markenzeichen dieser Menschen. Vielseitigkeit, das Brillieren in den verschiedensten Künsten wurde gesellschaftlich honoriert. Die berühmte Aufzählung von Rögnvald Kali, dem Jarl von den Orkneyinseln ( 1135-1158), nennt neben den Brettspielen, Runenritzen, Lesen, Schilaufen, Bogenschießen, Rudern, Dichten und Harfenspiel dann auch die Bearbeitung von Holz und Eisen als wichtigstes Fach, in dem einer seine Fähigkeiten zeigen kann. Wie zahlreiche Funde belegen, gab es so etwas wie eine "Lust am Design", einen ausgeprägten Formwillen, der sich auch den Gegenständen des täglichen Gebrauchs zuwandte: Man bedeckte sie mit den üppigsten Verzierungen. Es gab auch spezialisierte Handwerker. Ihre Rohstoffe beschaften sie sich teils aus der Umgebung, teils von weit her. Es gab zum Beispiel Töpfer oder Drechsler, die auch Bernstein, Walrosselfenbein und Gagat ( samtig oder fettig glänzender Schmuckstein ) bearbeiteten. Geweih und Knochen, die Rohstoffe für die Herstellung von Kämmen und Spielsteinen, fanden sich wohl im Lande, dagegen war das Metallhandwerk ( Waffenproduktion, Gold-und Silberschmiedearbeiten, Schiffsausrüstung ) auf Importe angewiesen.

Glauben

Die Wikinger waren ursprünglich Heiden. Heidentum ( Paganismus ) = Naturreligion / Das Heilige ist in der Welt und eins mit ihr, die Natur ist göttlich und das Göttliche natürlich. Seine Anhänger verehren die Natur und ehren viele verschiedene Gottheiten, sowohl Göttinnen, als auch Götter. Mochte die Wikingerzeit zwar in manchen Bereichen von Gewalt geprägt sein, für religiöse Fragen galt dies nicht. Erstaunlich friedlich vollzog sich der Abschied vom Heidentum. Die raschen Erfolge des Christentums werden auf den Nützlichkeitsinn zurückgeführt: Die Nordleute erkannten, welche Macht der klar strukturierte Apperat der Kirche besaß, dem Heidentum fehlte dagegen jede Organisation, es war duldsam gegenüber anderen Religionen, und seine Mythologie besaß Affinitäten zum Christentum, besonders die Vorstellungen vom Weltende und von einer darauffolgenden allgemeinen Verjüngung und Erneuerung liessen sich leicht mit christlichem Inhalt füllen. Die ersten Kontakte mit dem Christentum ergaben sich bei den Überwinterungen und der Landnahme auf den britischen Inseln und im Frankenreich. So ließ sich der dänische Führer, 886 mit Alfred dem Großen die Teilung Englands vereinbarte, ohne weiteres taufen, und genauso hielt es der Häuptling Rollo, der 911 von Karl dem Einfältigen die Normandie zu Lehen erhielt. In Dänemark begann Bischof Ansgar 826 mit der Mission, diese blieb aber vorerst auf die Handelszentren beschränkt. Erst im 10. Jhd. gewann sie wieder an Dynamik. Um 966 ließ sich der dänische König Harald Blauzahn taufen und die dänische Kirche wurde dem Erzbistum Hamburg unterstellt. Knut der Große vollendete dann am Anfangs des 11 Jhd. das Bekehrungswerk in Dänemark, indem er mehrere hundert Kirchen bauen ließ. In Norwegen ging es etwas langsamer. Erst unter Olaf dem Heiligen setzte hier ab 1015 die Missionarsarbeit wieder ein. In Schweden hielt sich der heidnische Glaube am längsten. Erst um 1083/84 setzte sich hier das Christentum endgültig durch. Einen besonderen Weg nahm die Entwicklung in Island. Das Volk traf hier selbst die Entscheidung. Auf einem Allthing des Jahres 999 oder 1000 wurde nach ausgiebiger Diskussion die Annahme des Christentums beschlossen. Grönland folgte im Jahr 1000 und auf den Orkneyinseln und den Färöern war die Bekehrung bereits 995 durch Norwegens König Olaf Tryggvason durchgesetzt worden.

Ernährung

Auf dem Teppich von Bayeux ist eine ganze Folge von Bildern einem opulenten Mahl gewidmet; die Tische biegen sich unter Bergen von gebratenem Fleisch und Geflügel. Fleisch von Schweinen, Rindern, seltener auch von Schafen, Ziegen und Hühnern war zwar Bestandteil der Nahrung in der Wikingerzeit, bildeten aber nicht die Hauptsache. Es blieb auf die Tische der Reichen beschränkt und erschien bei den übrigen nur zu Festtagen oder als Beilage im Gemüseeintopf. So gab es denn auch wenig Masttierhaltung – bei Kühen und Ziegen war wichtiger, daß sie Milch, bei Hühnern, daß sie Eier, und bei Schafen, daß sie Wolle lieferten. Geschlachtet wurden sie erst im hohen Alter. Häufiger standen sicher Fluß- und Meerfische auf dem Speiseplan, unter letzteren vor allem der Kabeljau, den man durch Trocknung an der Luft haltbar machen konnte. Er verlor dabei vier Fünftel seines Gewichtes und nahm eine holzähnliche Konsistenz an, behielt aber seinen Nährwert – unentbehrlich als Proviant auf langen Reisen. Als erste Mahlzeit am Tag – und vielleicht auch noch öfter – gab es eine Grütze auf der Grundlage von Getreide, vergleichbar dem noch heute in England gebräuchlichen Porridge. Auch Brot wurde gereicht, das aus Gerstenmehl und Kleie gebacken war. Das Mehl enthielt, wie bei Grabungsfunden festgestellt wurde, schwerverdauliche Mahlrückstände wie Steinstaub und kleine Kiesel, die den Zähnen erheblich zusetzten und sie im Lauf der Jahre stark abschliffen. Die Butter, mit der man das Brot bestrich, war zur besseren Haltbarkeit gesalzen; in Kübel oder Kästen abgefüllt, wurde sie auf Seefahrten mitgenommen. Weitere Milchprodukte waren Dickmilch, die, gesalzen und gesäuert, einen ganzen Winter lang genießbar blieb, Molke und Ziegenkäse. Das Angebot an Gemüse war nicht besonders reichhaltig und umfasste kaum mehr als Zwiebeln, Lauch, Kohlrabi und Erbsen. Mit Obst stand es gleichfalls nicht zum besten. Die Kultivierung war wenig entwickelt, so daß man seinen Vorrat in der Wildnis sammeln musste: Schlehen, Wildkirschen, Wildäpfel, Holunderbeeren, Waldbeeren, Himbeeren und die Früchte von Weissdorn und Eberesche. Haselnüsse und Bucheckern, in grossem Stil gesammelt, deckten einen wesentlichen Teil des Bedarfs an pflanzlichem Fett. Zum Süßen von Speisen und Getränken war man auf den Honig der Wildbienen angewiesen, und da der nicht gerade reichlich floß, überwog in der wikingischen Nahrung wohl das saure Element. Standartgetränk war neben Wasser und Milch das Bier. Es wurde aus Malz und vergorener Gerste gewonnen, dazu kamen als Stabilisator wilder Hopfen oder andere Würzmittel. In den Quellen tauchen verschiedene Begriffe für Bier auf ( mungat, bjorr , öl ), die wohl die unterschiedlichen Stärken bezeichnen. Der vielgerühmte Met, ein Honigwein, versetzt mit Hefe und Gewürzen, blieb festlichen Gelegenheiten vorbehalten. In der Mythologie ist er das Getränk, das Dichtergabe und Weisheit, den Göttern auch Unsterblichkeit bringt. Wein, wenn er denn überhaupt einmal auf den Tisch kam, stammte aus Beutezügen oder wurde als Handelsware importiert.

Alter

Die Welt, in der die Wikinger lebten, stellte höchste Ansprüche an Kraft und Vitalität. Beweglich musste der Mensch sein, wache Sinne haben und die Fähigkeit, ohne Erbarmen dreinzuschlagen. Nur wer wirklich fit war, konnte sich der Strapaze einer langen Seefahrt oder eines Beutezuges quer durch feindliches Land unterziehen. Was mit denen war, die das nicht mehr schafften, darüber ist in den Quellen wenig die Rede. Sie beschreiben zumeist die Taten von Menschen in der Blüte ihrer Jahre. Man muss wohl annehmen, daß Männer, wenn sie überhaupt alt wurden, bittere Zeiten erlebten, den anderen nur noch im Weg waren und besser daran taten, möglichst bald zu sterben. In der Egil-Saga ist ein Beispiel dafür geschildert: Der Held, ehemals mit gewaltigen Körperkräften begabt, ist nun ein kindischer Greis, der sich nicht mehr auf den Beinen halten kann. Die Mägde lachen über ihn. Immerhin weiss er sein Elend noch in Verse zu fassen: " Mein Kopf, er wackelt und zittert. / Der kahle Schädel kann leicht beim Fallen aufschlagen. / Das Hören fällt mir sehr schwer. / Ich habe den Frauen nichts mehr zu bieten." Für Frauen mochte sich der Übergang ins Alter nicht so abrupt gestalten, es ist anzunehmen, daß sie ihre Positionen im Haus und in der Familie länger behaupten konnten. Die Sagas überliefern Geschichten von Matronen, die bis zum letzten Tag das Zepter nicht aus der Hand gaben, etwa Unn ( in der Laxartal-Saga ), eine aus der Gründergeneration, die das Kolonisierungswerk in Island unternommen hat: Wenn auch "matt und schwach infolge des Alters", richtet sie doch noch ein Gelage anlässlich der Hochzeit ihres Enkels aus, ermuntert die Gäste, tüchtig zu trinken, und zieht sich dann in ihre Kammer zurück. Am nächsten Morgen findet man sie tot, aufrecht in die Kissen ihres Bettes gelehnt. Bei den Gästen erregt dieser stilvoll inszenierte Abgang grösste Bewunderung: "Die Leute waren sehr beeindruckt, wie Unn ihre Würde bis zum letzten Tag bewahrt hatte."

Feste

Drei öffentliche Hauptfeste gab es jedes Jahr bei den Wikingern. Sie standen mit den Jahreszeiten in Verbindung, eines feierte man im Herbst als Erntedank, das zweite fand zur Wintersonnenwende ( Julfest ) statt, wobei den Disen ( Schutzgöttinnen ) geopfert wurde, das dritte zur Sommersonnenwende als fruchtbarkeitsfest. Eine dieser Veranstaltungen, die von Opfern begleitet waren, erlebte der arabische reisende at-Tartushi in Haithabu: "Sie halten ein Fest, bei dem sich sich zu Ehren ihres gottes versammeln und essen und trinken. Jeder, der ein Tier schlachtet, hat ein Holzgestell vor seiner Haustür und hängt das Opfertier dort auf, ob es nun Ochse oder Widder, Geissbock oder Eber ist, damit die Leute wissen, dass er ein Opfer zu Ehren seines Gottes abhält." Weitere Anlässe zu Festen konnten Hochzeiten oder Gedenkfeiern für einen Verstorbenen sein. In den Sagas ist Festschilderungen immer breiter Raum gewidmet. Mit einem Fest legte eine Familie Ehre ein, bei seiner Ausrichtung durften keine Kosten gescheut werden. Ein Beispiel ist die Totenfeier für den alten Höskuld, die in der Laxartal-Saga erzählt wird: Ein halbes Jahr geht über die Vorbereitungen hin, gewaltige Vorräte werden beschafft, schliesslich erscheinen 900 Gäste, die sich zwei Wochen auf dem Hof aufhalten und dann noch mit reichen Geschenken verabschiedet werden. Die Erzählung schliesst mit den Worten: "Das Fest der Höskuldsöhne war in allem äusserst prächtig, und die Brüder gewannen grosses Ansehen." Man feierte im Langhaus, wo Tische und Bänke aufgestellt waren und ein Lagerfeuer in der Mitte des Raumes brannte. Der Sitzordnung wurde besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Im sogenannten Hochsitz präsidierte der Hausherr, neben ihm hatten die ranghöchsten Vertrauten oder Freunde ihren Platz, weiter zu den Tischenden hin die rangniederen Haushaltsmitglieder. Auf der anderen Seite des Feuers saßen die Gäste, für den Ranghöchsten von ihnen war der Platz gegenüber dem Hausherren reserviert, ihm zur Seite saßen dann seine Begleiter. In dieser sozusagen spiegelbildlichen Anordnung kam die Wertschätzung zum Ausdruck, die Gäste genossen. Nach dem Essen wurden die Tische hinausgeschafft, und zu Getränken, die in grossen Mengen gereicht wurden, unterhielt man sich mit dem Vortrag von Liedern und Geschichten, mit gedichteten Spottversen, mit Wettkämpfen aller Art oder auch banalen Vergnügungen wie dem Werfen von abgenagten Knochen. Wie bei Trinkgelagen nicht zu vermeiden, kam es öfters zu Raufereien, wenn nicht gar zu Totschlägen.

Kinder

Reicher Kindersegen sichert das Fortbestehen der Familie- diese allen bäuerlichen Gesellschaften gemeinsame Überzeugung war auch bei den Wikingern bestimmend. Ehen wurden geschlossen, um Kinder in die Welt zu setzten, Kinder, die den Reichtum und das Ansehen der Familie weiter mehren sollten. Und es mussten viele sein, denn die Säuglings- und Kindersterblichkeit forderten ihren Tribut: Im Mittelalter starb durchschnittlich jedes zweite Kind vor erreichen des 14. Lebensjahres. Darüber hinaus behielten sich die Familienväter das Recht der Auswahl vor; das Schicksal ausgesetzt oder getötet zu werden, drohte besonders den unehelich geborenen oder missgebildeten Kindern, in Zeiten der Not wohl auch Kindern überhaupt, wobei das Los dann eher die Mädchen traf: Wer zu viele Töchter hatte, lief Gefahr, sie nicht auf dem Heiratsmarkt unterbringen zu können. Von der christlichen Kirche wurde die Kindesaussetzung heftig bekämpft, aber offenbar hielt sich der heidnische Brauch noch lange, auf Island durfte er auch nach der Einführung des Christentums geübt werden. Die Erziehung fand in erster Linie in der Familie statt, daneben gab es in der Oberschicht die Sitte, die Söhne ausser Haus, zu Freunden und Verwandten zu geben, eine Praxis, die immer schon zum Leben privilegierter Kreise gehörte. Wie Kinder aufgezogen wurden ist aus den Quellen kaum zu ersehen. Spielzeug hatten sie, soweit ist man durch die Archäologen unterrichtet, die Kleinfiguren aus Holz und Metall gefunden haben, welche eindeutig für die Hand von Kindern bestimmt waren. Die Sagas berichten von Ballspielen der Jungen, bei denen es ausgesprochen brutal zugeht. Sie geben – wenn auch nur höchst fragmentarisch – Einblick in einen bestimmten Aspekt der Kindheit, nämlich das für die Wikinger natürlich besonders bedeutsame Vater-Sohn-Verhältnis. Dem Mittelalter galt das Kind keineswegs als "kleiner Erwachsener", sondern als ein Wesen von eigener Art. Ein Kind befand sich auf dem Weg zum Erwachsensein, und so sehen die Sagaväter in aller Seelenruhe über die Untaten der Söhne, ja über veritable Totschläge hinweg. Ein Fünfjähriger, den seine Spielkameraden gehänselt haben, läßt seine Wut darüber an einem Pferd aus; ein Siebenjähriger, der im Ringkampf von einem Älteren besiegt worden ist, erschlägt diesen mit der Axt; ein Zwölfjähriger, den sein Vater getadelt hat, rächt sich, indem er den Hausverwalter tötet – für die Väter alles keine Gründe um einzugreifen. Umgekehrt halten dann auch die Söhne unverbrüchlich zu den Vätern. Das Hohelied der Sohnestreue singt das "Sonatorrek" des Skalden Egil Skallagrimsson: "Nichts wertete er höher als die Worte des Vaters, / Mochten alle Leute anderer Meinung sein. / Ihm ging es einzig darum, mein Ansehen zu fördern, / Und stets stand er mir als Stütze zur Seite."

Musik

Der berühmte Jarl von den Orkneyinseln, Rögnvald Kali ( 1135-1158 ), der einen Katalog von Künsten aufzählt, mit denen der Mann von Welt Ehre einlegt, nennt unter anderem auch das Harfenspiel. Das scheint allerdings ein Tribut an die höfische Kultur Kontinentaleuropas gewesen zu sein. Ob und welche Musik bei den Wikingern in Gebrauch waren, ist schwer zu sagen. Die berühmten Luren ( trompetenartige Blasinstrumente ) gehörten wohl nicht dazu, ihre Zeit liegt früher. Trommeln dürfte es gegeben haben, nach Régis Boyer wurden sie im Umfeld magischer Praktiken eingesetzt. Boyer nimmt auch an, daß die Dichtung der Skalden musikalische Ursprünge hatte; ihre Verse wurden gesungen oder auch geschrien und geheult. Odin, der Gott der Skalden, hatte den Beinamen "der Schreier". Von Zauberliedern, die von Frauen gesungen werden, ist in den Sagas die Rede. Musik und Magie hingen zusammen. Irdischer wird es hingegen bei den Festen zugegangen sein. Der byzantinische Kaiser Konstantin VII. Porphyrogennetos berichtet von Gesängen, die die Mannen seiner Warägergarde zu Weihnachten anstimmten. Auch der arabische Reisende at-Tartushi weiß von einem musikalischen Erlebnis zu erzählen, daß ihm in Haithabu widerfuhr: "Ich habe noch nie jemanden so schrecklich singen hören wie diese Leute; man könnte es Knurren nennen, was aus ihrer Kehle dringt, wie Hundegebell, aber noch viel tierischer."

Adel

Ein privilegierter Adelsstand ist in der Frühzeit Skandinaviens noch nicht nachzuweisen, doch gab es lokale Häuptlingsgeschlechter, die eine herausragende wirtschaftliche Stellung mit politischem Einfluß verbanden. Auch in Island, das man sich früher als Hort einer Gemeinschaft von Freien und Gleichen, als Urdemokratie sozusagen vorstellte, kam es zu gesellschaftlichen Differenzierungen. Die Goden übernahmen hier führende Funktionen, es bleibt aber unsicher, ob dazu auch priesterliche Ämter gehörten. Am besten beleuchten die Sagas das Leben der Oberschicht mit ihren Ritualen, den üppigen Gelagen und großzügig ausgeteilten Geschenken, mit ihren einschüchternden Auftritten beim Thing und ihren ewigen Fehden, zu denen Scharen von Kämpfern mobilisiert werden konnten.

Die Gesellschaft

Obgleich es in der Frühzeit Skandinaviens keinen nachweisbaren privilegierten Adelsstand gab, gab es doch Unterscheidungen:

König / Königtum

Das skandinavische Königtum stand zur Wikingerzeit noch ganz in der germanischen Tradition. Der König, von der Volksversammlung beispielsweise nach einer gewonnen Schlacht gewählt, war durch besonderes Heil ausgezeichnet, ein Liebling der Götter. Er besaß die Kraft, Kranke zu heilen, Ackersegen zu bringen und seinem Volk Kinderreichtum zu verschaffen. Aber er war auch von seinem Volk abhängig, seine Macht war nicht unbegrenzt, und wenn er gegen das Volk handelte, konnte ihm dieses die Gefolgschaft versagen. Es kam im Verlauf der definitiven Reichsbildung in Skandinavien zu einer Festigung der Königsmacht, etwa im 9. Jahrhundert in Norwegen, als Harald Schönhaar mit seinen Konkurrenten aufräumte, Kleinkönigen die meist nur über ein Fjord herrschten. In den Sagas wird der "Absolutismus" des Königs, der nun von seinen Landsleuten neue und ungewohnte Dinge verlangt, aufs genaueste geschildert. Das Königtum fördert den Handel, so war der Umschlagplatz Haithabu an der Schlei eine Gründung des Dänenkönigs Gudfred, der aus den Zöllen und Abgaben, die an einem Handelsort erhoben werden konnten, seine Unternehmungen finanzierte. Die Könige schufen sich eine Hausmacht, sie verfügten über militärische Gefolgschaften und unterhielten zeitweilig, wie am Burgenbau in Dänemark ablesbar, sogar stehende Heere. Gefeit gegen Widersätzlichkeiten ihrer Untertanen waren sie gleichwohl nicht, wie das Beispiel Knuts IV. des Heiligen von Dänemark lehrt, dessen Versuch, eine Wehrsteuer zu erheben, einen Volksaufstand hervorrief, in dessen Verlauf der König erschlagen wurde.

Der Jarl

In frühen poetischen Texten wurde als Jarl bezeichnet, wer über genügend Besitz und Macht verfügte, um ein Wikingerheer führen zu können. Ein Jarl stand im Rang immer unter einem König, darauf weisen altenglische Quellen hin, die Jarl mit "eorl" übersetzen, woraus der englische Titel Earl wurde. Der berühmteste Jarl der Wikingerzeit war der Jarl von Lade, Hakon Sigurdsson. Später wurden Jarle in Dänemark in der Funktion von Markgrafen als Machthaber über bestimmte Grenzgebiete eingesetzt. In Norwegen machten von 1161 bis Ende des 13. Jahrhunderts verschiedene Jarle den Königen die Herrschaft streitig. In Schweden gab es seit der Reichseinigung Mitte des 12. Jahrhunderts in der Regel nur noch einen Jarl, der in der Art eines Regenten oder Hausmeisters amtierte, der berühmteste war Birger Jarl (gest.: 1266 ).

Der Freie

Den Kern der Gesellschaft bildeten die Freien. Die größte und auch vielschichtigste Klasse. Sie waren - wörtlich zu nehmen - die freien Männer. Handwerker zum Beispiel gehörten dieser Gruppe an. Die mächtigsten unter ihnen waren die "boendr" ("die an einem Platz Bleibenden"), Bauern mit Grundbesitz. Ein "boendr" ( bondi ) besaß sein Land als freien Grundbesitz, war keinem Lehnsherrn verpflichtet. Sie schlossen sich zu Interessenverbänden zusammen, die unter der Leitung des Einflussreichsten standen. Wer frei war, der durfte Waffen tragen, am Thing teilnehmen und hatte eine Stimme. Diese gab ihm das Recht, sich zu Wort zu melden und an allen Abstimmungen aktiv teilzunehmen.

Sklaven / Sklavenhandel

Zu den bevorzugten Handelsgütern der Wikinger auf der Ost-West-Route zwischen dem europäischen Russland und der Rheinmündung gehörten Sklaven. Die Nordleute traten damit in die Fußstapfen anderer, der Sklavenhandel hatte auch schon vorher geblüht. Die Wikinger beteiligten sich seit dem 9. Jahrhundert an der Jagd auf die Ware Mensch. Sie fanden diese vor allem in den baltischen Gebieten. Umschlagplätze des Sklavenhandels waren Birka und Haithabu, später auch Gotland und Kiev. Zum Verkauf standen auf solchen Märkten zumeist Sklaven für den häuslichen Bedarf. Dieser war in Mittel-und Westeuropa nicht besonders hoch, die Sklaven wurden daher in ganzen Karawanen nach Süden geführt und landeten schließlich in Italien oder im muslemischen Spanien. Zum Teil blieben sie aber auch in Skandinavien und fristeten ihr Dasein als billige Arbeitskräfte in den bäuerlichen Betrieben und Haushalten oder, wenn es sich um Frauen und Mädchen handelte, auch als Beischläfferinnen des Hausherren. Sklaven standen ausserhalb des Rechtes und des Familienverbandes, Sklaverei hieß Abhängigkeit vom Herrn, Heiratsverbot, Strafen für Ungehorsam und geringer Wert des eigenen Lebens. Der Sklavenstatus wurde vererbt, das Kind eines Sklaven war also auch immer ein Sklave. Noch in der Wikingerzeit zeigten sich Auflösungstendenzen bei der Sklaverei in Skandinavien: Es wurde üblich, Sklaven in einem abgestuften Verfahren, das sich über mehrere Generationen hinziehen konnte, in die Freiheit zu entlassen, zumeist aus wirtschaftlichen Gründen, da man einsah, dass ein Freigelassener auf dem eigenen Stück Land wirtschaftlicher zu arbeiten vermochte als auf dem Acker, der einem anderen gehörte. Es wird angenommen, dass es in Island und Norwegen schon vor 1000 zu Freilassungen kam und Sklaven im 12. Jahrhundert als abgeschafft gelten konnten; im übrigen Skandinavien zog sich der Prozeß bis in das 14. Jahrhundert hin.

Körperliche Merkmale

"Ich habe noch nie so vollendet schöne Körper wie die ihren gesehen. Ihre Grösse läßt an Palmen denken, sie sind blond und haben goldbraune Haut", schreibt der arabische Reisende Ibn Fadlan. Ein anderer Araber, Amin Razi, bemerkt weiße Haut, fuchsrotes Haar und einen kolossalen Körperbau an den Nordmännern. Und die Fuldaer Annalen wissen von Menschen zu berichten, wie sie im Volk der Franken einfach nicht vorkommen,"an Schönheit nämlich und Körpergrösse". Die Wikinger allesamt Supermänner? Landläufigen Vorstellungen kommen solche Beschreibungen natürlich sehr entgegen, als gewaltige Recken will man die Wikinger ja sehen. Aber Bodenfunde und Anthropologie korrigieren das Bild weitgehend. Skelettmessungen haben für die alten Dänen eine Durchschnittsgröße von 1,70 Meter und für die Schweden 1,72 Meter ergeben. Damit waren sie zwar ungefähr eine Handbreit größer als die Mitteleuropäer jener Zeit und überragten die Araber um Haupteslänge, aber iesen konnte man sie deswegen noch nicht nennen. Sich selbst sahen die Wikinger hauptsächlich unter dem Nützlichkeitsaspekt, ohne viel Aufmerksamkeit auf Details zu verwenden. "Groß und kräftig" oder "stark und tüchtig" lauten in den Sagas die Stereotypen für die Männer, während bei Frauen immerhin manchmal bemerkt wird, daß sie weisse Arme haben oder langes Haar, in das sie sich wickeln können, aber meist heisst es auch nur dürftig, daß sie "schön" sei, ohne das das Ideal weiter beschrieben würde. Wichtiger ist allemal, daß sie den Haushalt gut führen. Das blonde oder rote Haar, das Beobachtern aus dem Mittelmeerraum oder Arabien natürlich auffallen musste, werden nicht alle gehabt haben, auch der berühmte Langschädel, den spätere Wikingerverehrer für das todsichere Erkennungsmerkmal der Nordmänner hielten, wurde keineswegs in allen Gräbern gefunden. Die Hälfte der weiblichen Skelette weisen mittlere und kürzere Formen auf. Man weiß unter anderem, daß die Besiedlung Islands kein "germanisches" Unternehmen war, sondern sich auch Kelten von den britischen Inseln daran beteiligten. Rassische Kategorien spielten für die Wikinger ohnehin keine Rolle, das zeigt die Geschichte ihrer Ansiedlung etwa in der Normandie oder Rußland, wo sie ganz und gar in der einheimischen Bevölkerung aufgingen und schon nach einigen Generationen nichts mehr von ihnen zu erkennen war.

Das große Heer

Mit >here< bezeichnete man in den angelsächsischen Gesetzen jede Gruppe über 35 Mann. Es ist also fraglich, wie groß das >micil here<, daß große Heer der Wikinger, von dem in den altenglischen Quellen oft die Rede ist, nun wirklich war. Nach Rudolf Simek zählte es nicht mehr als 2000-3000 Mann – was für ein Wikingerheer auch schon beträchtlich ist. Sein Wirken fällt in eine Zeit, da die Epoche der Überfälle und Beutezüge vorbei war und die Wikinger an ausgedehnte Landnahme in Westeuropa gingen. Andererseits trafen sie auch auf organisierten Widerstand, so daß manche Operation des Großen Heeres schiefging. Die "Karriere" des militärischen Verbandes, zu dem sich vermutlich mehrere kleinere Gruppen zusammenschlossen, begann 865 mit der Landung eines Kontigentes an der englischen Ostküste. Anders als sonst wurden nun nicht mehr die Wasserwege benutzt, vielmehr bewegte man sich zu Pferde auf den alten Römerstraßen weiter. 866 besetzte das Große Heer York. 870 befanden sich die angelsächsischen Königreiche Northumbria, Mercia und Ostanglien unter der Herrschaft der Wikinger. Als nächstes sollte Wessex an die Reihe kommen, aber dessen Herrscher Ethelred und Alfred der Große bereiteten den Nordmännern 871 bei Ashdown ihre erste Niederlage. Es folgten wechselvolle Kämpfe, bis es Alfred 878 gelang, die Wikinger bei Edington entscheidend zu schlagen. Ihr König Guthrum ließ sich taufen und zog sich aus Wessex zurück. Noch im selben Jahr sammelte sich das Große Heer wieder in Fulham an der Themse, jedoch nicht, um in England Krieg zu führen. Vielmehr setzte es 879 über den Ärmelkanal und drang in die Maas-Niederrhein-Region ein. Der wikingische Aufklärungsdienst hatte funktioniert: Im fränkischen Reich waren nach dem Tod König Ludwigs II. (10.04.879) Kämpfe unter dessen Söhne ausgebrochen. "Während diese so in Streit miteinander lagen, kamen die Normannen jenseits des Meeres, da sie von dieser Uneinigkeit hörten, auf ihren Schiffen in ungeheurer Menge über das Wasser gefahren", erzählen die Annalen von St. Vaast und fahren dort mit Schilderungen fort, wie die "Normanni" an der Schelde und in ganz Brabant "mit Feuer und Schwert" wüten: " Auf allen Straßen lagen die Leichen von Geistlichen, von adligen und anderen Laien, von Weibern, Jugendlichen und Säuglingen; es gab keinen Weg und Ort, wo nicht Tote lagen." Bis Aachen kamen die wilden Horden. Im Juli 881 trat ihnen bei Saucourt ein Heer unter dem westfränkischen König Ludwig III. entgegen und besiegte sie. Das tat der Macht der Wikinger aber noch nicht den entscheidenden Abbruch. Aus den Verhandlungen von Esloo (882) gingen sie mit gutem Erfolg hervor, 885/886 versuchten sie eine Belagerung von Paris. 891 erlitten sie an der Dyle eine schwere Niederlage gegen den ostfränkischen König Arnulf von Kärnten. Aber selbst danach waren sie noch nicht bereit, das Feld zu räumen. Erst die große Dürre von 892 und der Ausbruch von Seuchen verleideten ihnen endgültig den Aufenthalt auf dem Festland. Was von den Truppen übriggeblieben war, schiffte sich nach England ein, das Große Herr kehrte an seinen Ursprungsort zurück. Doch die Zeit für weitere Eroberungen war vorbei, 896 schliesslich löste sich das Große Heer auf.

Bildkunst

In der Kunst der Wikinger sind figürliche Darstellungen eher selten, zumeist handelt es sich um zweidimensionale Formen ( Skulpturen, textile Wandbehänge ), gelegentlich sind sogar Gebrauchsgegenstände als Figuren ausgestaltet. Die allgegenwärtige Ornamentkunst spielt auch hier mit hinein, die Bildszenen sind manchmal mit Ornamenten dekoriert, oder die Figuren selbst weisen Merkmale der ornamentalen Stile auf. Abstraktion herrscht vor, realistische Züge werden kaum erreicht oder auch nur angestrebt, die Stereotypen ( Frauen mit langem Haar und nachschleppendem Kleid, Männer mit Rundschild und Speer bewaffnet ) überwiegen. Beispiele der älteren erzählenden Bildkunst sind die gotländischen Bildsteine und die Holzschitzereien und Textilien aus dem Schiffsgrab von Oseberg. Gewöhnlich werden die dort abgebildeten Szenen, etwa Menschen zu Pferde oder auf der Jagd, Schiffe, Episoden aus der Sage von Sigurd, als sakrale Darstellungen gedeutet. Die Bildsteine von Gotland dienten dem Totenkult, die Forschung vermutet in ihnen die Darstellungen von Walhall. Die spätere Bildkunst wandte sich unter christlichem Einfluß Motiven wie dem Kreuztod Christi und dem Jüngsten Gericht zu.

Ornamentkunst

Neben der Bildkunst ist die Ornamentkunst der zweite ( und bekanntere bzw. gründlicher erforschte ) Strang der Wikingerkunst. Ihre einzelnen Ausprägungen sind – in chronologischer Reihenfolge – der Broa/Oseberg-, Borre-, Jellinge-, Mammen-, Ringerike- und Urnes Stil. Die Benennungen stammen von den Fundorten, an denen die entsprechenden Stilformen zuerst entdeckt wurden bzw. an denen sie besonders typisch vertreten sind. Die Ornamentkunst arbeitete mit drei Grundformen, die miteinander kombiniert werden konnten: figürliche ( Tiere und Menschen ), pflanzliche ( Ranken,Blätter,Blüten ) und geometrische ( Dreiecke, Kreise, Spiralen, Schlingen ). Kennzeichen ist die Wiederholung: Die Ornamente erscheinen aus nur wenigen Formen zusammengesetzt und reihen sich ununterbrochen aneinander, wobei ein sicheres Gefühl für Maß und Gleichgewicht waltet und der vorhandene Raum klug und harmonisch genutzt wird. Einflüsse aus anderen Kulturkreisen werden geschickt aufgenommen, so werden zum Beispiel aus den Weinranken und Akanthusblättern der fränkischen Kunst fast geometrische Formen. Kraft und Vitalität der Wikingerkunst zeigen sich besonders in der Tierornamentik. Ihr Lieblingsmotiv ist das Greiftier, ein Fabelwesen, von der ursprünglichen Idee her wohl ein Löwe, aber nun in seiner Gestalt phantastisch verzerrt und verwandelt. Rudolf Pörtner gibt eine gute Beschreibung des Greiftiers: "Geschmeidig wie eine katze, rundlich wie ein Spielzeugbär. Ein schlanker Leib; dicke, gepolsterte Hüften; lange, biegsame, gummiartige Extremitäten ... Dieses Monstrum ist ständig auf dem Sprung. Mit weitausholenden Bewegungen greift es um sich. Es bäumt sich, streckt sich, dehnt sich, verflicht seine Glieder, verklumpt und verknäult sie und wickelt sie wieder auseinander. Immer in heftiger, hektischer Bewegung, immer voll von Leben, Giftigkeit und offensiver Kraft."

Die einzelnen Stile der Ornamentkunst:

Broa/Oseberg- Stil

Die früheste Epoche wikingischer Ornamentkunst ( 9. Jahrhundert ) ist benannt nach Funden ( Metallkunst ) aus dem Grab von Broa im Kirchspiel Halla auf Gotland und aus dem Schiffsgrab von Oseberg ( Holzschitzereien ). Den Stil kennzeichnen Tiermotive, zum einen ein sich schlängelndes, bandförmiges Wesen mit einem Auge, einer betonten Taille und Öffnungen an den Hüften, zum anderen das sogenannte Greiftier, eine Anzahl ineinander verschlungener und verkrallter, sich bekämpfender Tiere mit runden Glotzaugen und langen Schöpfen. Letzteres ist ein äußerst langlebiges Motiv und erscheint als Einzeltier im nachfolgenden Borre-Stil.

Borre-Stil

Nach dem Schiffsgrab von Borre ( Vestfold, Norwegen ) ist der Stil benannt, der die wikingische Ornamentkunst ( mit chronologischer Überlappung zur vorangegangener bzw. folgender Epoche ) zwischen 850 und 975 bestimmte. Seine Merkmale sind die Ringketten ( ein zweisträhniges, symmetrisch verflochtenes Band ), das einzelne Greiftier mit zur Maske gestaltetem oder rückwärts gebogenem Kopf und in Spiralen auslaufenden Hüften sowie das halbrealistisch gehaltene rückwärts blickende Tierwesen, dessen Hüften gleichfalls in Spiralen enden. Der Borre-Stil war in Skandinavien weitverbreitet, auch auf den Britischen Inseln ist sein Vorkommen belegt. Außer den in Borre gefundenen Exponaten gelten die aus dem Grab von Gokstad geborgenen Schnitzereien und Metallarbeiten als typische Produkte des Stils.

Jellinge-Stil

Das Ornament auf einem Silberbecher, der im Königsgrab von Jellinge ( Jütland ) gefunden wurde, gab einer Stilepoche der Wikingerkunst den Namen. Der Jellinge-Stil entwickelte sich wahrscheinlich Ende des 9. Jahrhunderts und verbreitete sich im 10. Jahrhundert über ganz Skandinavien und Teile der Britischen Inseln. Seine Kennzeichen sind die wie Borten oder Bänder wirkenden schlangenförmigen Tierleiber, deren Köpfe mit Zipfeln versehene Lippen und Zöpfe aufweisen.

Mammen-Stil

Der Kunstwissenschaft genügt oft ein kleiner Gegenstand, um einer Epoche oder einem Stil einen Namen zu geben. Im Fall des Mammen-Stils, der von etwa 940 bis 1000 die skandinavische Ornamentkunst dominierte, ist es das Blatt einer silbertauschierten Prunkaxt aus einem Häuptlingsgrab, das bei Mammen in Mitteljütland entdeckt wurde. Beim Tauschieren werden in die Oberfläche einer metallenen Gußplatte ( hier das eiserne Axtblatt ) Rillen eingetieft, in die Drähte aus anderem Metall ( hier Silber ) gehämmert werden. Nach der Politur ergeben sich dann eindrucksvolle Kontraste. Die Axt von Mammen ist auf der Vorderseite mit einer gebogenen Halses nach rückwärts blickenden Vogelfigur geschmückt, von der Abzweigungen in Blattform abgehen. Der Körper des "Vogels" ist mit einem regelmäßigem Muster aus kleinen Punkten ausgefüllt. Die Dekoration der Rückseite besteht aus einem fleischig wirkenden Pflanzenornament. Der Mammen-Stil ist eine üppigere Variante des zeitlich vorangehenden Jellinge-Stils. Die Tierkörper sind stattlicher entwickelt, die Proportionen naturalistischer wiedergegeben, pflanzliche Rankenmotive tauchen häufig in Verbindung mit Tiermotiven auf. Beispiele finden sich auf zahlreichen Prestigeobjekten aus Silber, Knochen, Elfenbein, Horn und Stein, auch außerhalb Skandinaviens, etwa auf den Orkneyinseln und der Isle of Man. Berühmt ist die Mammen-Dekoration am Großen Runenstein von Jellinge, den Harald Blauzahn um 965 setzten ließ. Eine Seite des pyramidenförmigen Steines zeigt einen Löwen inmitten einer verschlungenen Blattornamentik, eine weitere Christus am Kreuz, gleichfalls eingerahmt von Rankenwerk.

Ringerike-Stil

Auf den Mammen-Stil folgte der von Ringerike, benannt nach einer Landschaft in Norwegen und chronologisch in die 1. Hälfte des 11. Jahrhunderts zu datieren. Zirka 150 Gegenstände aus Stein, Knochen und Metall, die in Skandinavien gefunden wurden, zeigen den Ringerike-Stil, darunter prestigeträchtige Objekte wie schwedische Wetterfahnen. Besonders ausgeprägt ist er jedoch auf schwedischen und norwegischen Runensteinen. Die Blattmuster des Mammen-Stils sind im Ringerike-Stil weiterentwickelt und stärker achsenbezogen. Die Gestaltung ist insgesamt straffer und disziplinierter, gelegentlich lassen sich Einflüsse englischer und ottonischer Blattwerkornamentik erkennen.

Urnes-Stil

Die Schnitzereinen am Giebel der Stabkirche von Urnes in Westnorwegen gaben dem letzten Stil der wikingischen Ornamentkunst den Namen. Als Weiterentwicklung des Ringerike-Stils ist die Urnes-Kunst durch fließende Linien und Rhythmen gekennzeichnet. Schmale, schlangenartige Tierwesen formen große asymmetrische oder auf einer Achse ausgerichtete Schleifen. Der Urnes-Stil wird auf etwa 1040 – 1110 datiert. Beispiele finden sich nicht nur in Norwegen, sondern auch in Schweden, wo er auch als Runenstil bezeichnet wird, sowie- vor allem als Metallkunst – in Dänemark, England und Irland. Bis heute ist die Ornamentkunst der Wikinger faszinierend anzusehen und es bedarf einiger Zeit und Geduld diese selbst einmal darzustellen.

Magie

Magische Praktiken und Mittel waren den Wikingern nicht unbekannt. Zur Sicherstellung des persönlichen Heils griff mancher auf Zaubersprüche zurück, mit denen die lenkenden Mächte beeinflusst werden sollten. Runen des Kriegsgottes Tyr, die in Waffen eingeritzt waren, sollten den Sieg in der Schlacht garantieren. Man trug Amulette zur Schadensabwehr oder zur Gesundheitsförderung; sie bestanden aus Steinen, Glasperlen oder Kräuterbündeln. Es gab Götterstatuen als Anhänger, etwa dem mit großem Phallus ausgestatteten Frey. Beliebt waren Miniaturnachbildungen von Thors Hammer. Wie Funde in Haithabu belegen, konnte dabei Heidnisches zwanglos in Christliches übergehen. Symbol dafür sind zwei Fundstücke: zum einen eine Specksteingussform, die auf der Vorderseite Einschnitte in Kreuzform, auf der Rückseite in Hammerform aufweist- der Kunstschmied, dem dies Allzweckgerät gehörte, war offenbar darauf vorbereitet, christliche wie heidnische Kundschaft abwechselnd mit Amuletten zu beliefern; zum anderen ein Thorshammer-Amulett, in das zusätzlich ein Kreuz eingraviert ist – da hatte sich jemand doppelt versichern wollen. Weitere Formen der Magie waren Auftritte von Seherinnen und der Schadenszauber. Bei Tacitus ist nachzulesen, welch Ansehen Frauen mit Sehergabe bei den alten Germanen genossen, etwa die berühmte Weleda, die von ihren Landsleuten "wie ein göttliches Wesen verehrt wurde". Davon war zur Wikingerzeit nicht unbedingt mehr die Rede, mit Prophezeiungen konnte man sich auch verdächtig machen. Dennoch werden in den Sagas Sitzungen mit Seherinnen überliefert, etwa in der Saga von Erik dem Roten: Hungernot herrscht in Grönland, und eine zukunftskundige Frau namens Thorbjörg, die letzte aus einem ganzen Geschlecht von Seherinnen, soll sagen, wie lange die schlechte Zeit wohl dauern werde. Sie erscheint als Hexe in einem Tierkostüm, ausgerüstet mit vielerlei Zaubermitteln, und veranstaltet eine Art spiritistischer Sitzung. Ihr "Medium" ist ausgerechnet eine Christin, die erst nicht mitmachen will, sich dann aber doch bereit findet, ein altes heidnisches Zauberlied zu singen. Das hören die Geister gern, wie Thorbjörg behauptet, und nun kann sie auch klare Auskunft über die Zukunft geben: Wenn der Winter vorbei ist, wird alles besser! Beim Schadenzauber waren schädigende Runen oder Runenwörter wohl die gängigste Praktik. Runen mit einem Zauberspruch gehörten auch zur sogenannten Spottstange, die an ihrem Ende einen Pferdeschädel trug und die man gegen Leute richtete, denen man überwollte.

Schätze / Ralswiek

In meiner Heimat Mecklenburg – Vorpommern gibt es eine Insel, am Südende des großen Jasmunder Boddens, auf der seit der 2. Hälfte des 8. Jahrhunderts die Kaufmannssiedlung Ralswiek existiert, deren Gründung wahrscheinlich durch Skandinavier im Einvernehmen mit den slawischen Stammesfürsten von Rügen erfolgt war. Bei Ausgrabungen 1972-1989 wurden 15 Hofverbände und 12 Schiffseinfahrten mit Molen festgestellt. In einem der zirka 400 Bodengräber fand sich der größte bislang im Ostseegebiet bzw. in Osteuropa entdeckte Schatz aus der 1. Hälfte des 9. Jahrhunderts, darunter 2211 Münzen zumeist arabischer Herrkunft. Ralswiek verlor seit dem 10. Jahrhundert an Bedeutung. Dennoch wurde es seiner Lage und Tradition wegen bei der Christianisierung des Landes nach der dänischen Eroberung 1168 zur Probstei des Bischofs von Roskilde gemacht! Zu kaum einer anderen Zeit war es üblich, Schätze in solch einer Menge zu vergraben wie in der Zeit der Wikinger. "Menge" bezieht sich dabei nicht auf das Volumen des einzelnen Schatzes: Die Berge von Gold, die in der Sage von Sigurd so vielen den Tod bringen, fanden sich nicht, dafür aber viele kleine Haufen von Münzen, Hacksilber und Schmuck. Allein auf Gotland wurden über 500 solcher Horte gefunden. Den Wirtschaftshistorikern geben sie heute Auskunft über Handelsaktivitäten und –routen, über Wikingerzüge und eingetriebene Tribute.

Sagas

Noch heute steht die Forschung einigermaßen ratlos vor der Frage, wie gerade auf Island, der fernen Insel im Nordatlantik, unter ein paar tausend Bauern sich eine so lehrreiche Literatur ausbilden konnte. Aber es ist tatsächlich so: Nirgends wurde die nordische Gedankenwelt gründlicher und genauer überliefert als in den Aufzeichnungen isländischer Schriftsteller. Ureigenste Leistung der Inselbewohner sind die Sagas, großangelegte, in einem objektiven schnörkellosen Stil erzählte Geschichten, deren Schöpfer stets gänzlich hinter ihren Werken zurücktreten. Erhalten sind die Sagas zumeist in Abschriften des 14. und 15. Jahrhunderts., ihre Entstehungszeit fällt in die zwei Jahrhunderte davor – immer noch also weit von der Wikingerzeit entfernt -, doch liegen ihnen vermutlich ältere Texte ( Kurzviten, Genealogien, Anektoden ), vor allem aber mündlich tradierte Erzählungen zugrunde. Die bedeutenste Gruppe bilden die Isländersagas; sie bieten – wenn auch nach den Regeln des literarischen Kunstwerkes aufbereitet – das eigentliche Anschauungsmaterial zur Welt der Wikinger. Keine Darstellung des wikingischen Lebens und wikingischer Mentalität, die nicht Bezug nimmt auf die mehr als drei Dutzend erhaltenen Isländersagas. Dagegen stehen die sogenannten Gegenwartssagas, die isländische Personen und Ereignisse etwa der Jahre 1117 – 1264 porträtieren; die Bischofssagas, in denen das kirchliche Leben Islands seit der Christianisierung ( 999/1000 ) beschrieben wird; die Königssagas, die von dänischen und norwegischen Königen und Fürsten des 9. – 13. Jahrhunderts erzählen; die Vorzeitsagas, eine Sammlung von Abenteuergeschichten, die alte Heldenthemen aufgreifen oder phantastische Wikingerfahrten erfinden; die Rittersagas und Märchensagas, die meist das Erzählgut anderer Kulturkreise ( Ritterromane, Artussagen, Wandermärchen ) reflektieren; sowie die Heiligensagas nach dem Muster lateinischer Heiligenviten.

Skalden / Skaldendichtung

Als Skalden wurden in der nordischen Welt des Mittelalters alle Verfasser gebundener Dichtung bezeichnet. Der Bezeichnung mag das altnordische "skald" = Dichter von Spottversen ( verwandt mit dem deutschen "schelten" ) zugrunde gelegen haben. Die Skalden waren Berufdichter, die umherreisten und ihre Künste darboten oder sich auch dauernd an Höfen der Fürsten aufhielten, deren Lob sie sangen. Als ihren Patron verehrten die Skalden den Gott Odin; er soll seinerzeit bei einem zauberkundigen Riesen den Trank geraubt haben, der zur Dichtkunst befähigt, und bei der Flucht ist dem Gott einiges von der kostbaren Flüssigkeit zur Erde geschwappt. Hervorstechende Merkmale der Skaldendichtung sind ihre Künstlichkeit und Regelhaftigkeit. Das typische Vermaß, der "dròttkvaet" ( Herrenton, Hofton ), verlangt strenge Sechssilbigkeit der Halbverse, kombiniert Stabreim und Binnenreim, gliedert in Strophen und macht reichlich Gebrauch von poetischen Umschreibungen, den sogenannten Kennigen ( siehe nächster Abschnitt ). Von den Liedern der "Edda" unterscheiden sich die Verse der Skalden nicht nur durch den strengeren Bau, sondern auch durch die Stoffe die sie behandeln, und deren Darbietungsform. Während die "Edda" erzählerisch und lehrhaft vorgeht und sich mit alten Göttern und Helden befaßt, widmet sich die Skaldendichtung der Gegenwart, spricht von Liebe und Ruhm, greift die persönlichen Erfahrungen der Menschen auf, hält elegisch Rückblick, lobt und verspottet. Auch zu politischen Themen nimmt sie Stellung. Von Jarl Hakon Sigurdsson wird berichtet, daß er an seinem Hof eine Reihe von Skalden hielt, die mit ihren Versen seinen Kampf gegen das Christentum unterstützten. Dichten war übrigens nicht allein Männersache, es gab auch Frauen, die in der Wortkunst brillierten. Skaldenstrophen wurden über Jahrhunderte mündlich weitergegeben, ihre schriftliche Fixierung erfuhren sie meist in Zusammenhang mit den Sagas, in deren Prosatexte sie – zumeist als Aussprüche der handelnden Personen – gern eingestreut wurden. Entsprechend schwer sind ihre Datierung und die Zuordnung zu bestimmten Dichtern; die Verfasser der Sagas nahmen es in dieser Hinsicht nicht genau, manche der zitierten Strophen mögen auch von ihnen selbst stammen.

Kenning

Umschreibungen finden, daran bestand die besondere Kunst der Skalden. Drei Ausdrucksweisen gibt es in der Dichtkunst, sagt die "Snorra Edda": Man kann ein Ding so nennen wie es heißt, man kann einen "Fürnamen" ( Synonym ) an seiner Stelle setzten, man kann sich aber auch einer dritten Ausdrucksweise bedienen, welche Kennig genannt wird. Und diese dritte Art war es, in der die Skalden brillierten. Eine kennig ist ein Gebilde aus zwei Substantiven, von denen das eine das Grundwort und das andere eine genitivische Bestimmung abgibt. Der Bezug zum eigendlichen Gemeinten ergibt sich aber nicht vom Grundwort, sondern erst vom genitivischen Bestimmungswort her – und auch nur mit einigem Nachdenken. Ein Schwert ist dann ein Hasser des Lebens oder ein Zweig der Wunden oder ein Schneider der Schilde. Ein Schiff ist ein Pferd der Brandung, ein Hund des Fjordes oder ein Wolf der Wellen, ein Krieger ein Fütterer der Raben, ein Schwinger des Schwertes oder ein Förderer des Kampfes. Auch Reihungen sind möglich, Ketten von Kenningen, die aber insgesamt auch nur einen einzigen Begriff meinen. Da ist dann ein Besitzer der wand des Kampfes auch nur wieder ein Krieger, da Wand des kampfes die Umschreibung für Schild ist und der Schildbesitzer wiederum der Krieger. Und ein Reiter des Hengstes der Wogen oder ein Steuerer der planken des Meeres ist ein schlichter Seefahrer. Die dichterische Figur der Kenning geht vielleicht auf ein Sprachtabu im Bereich des Totenkults zurück, sie war jedenfalls nicht nur bloße Spielerei, sondern entsprach sicherlich den Erwartungen der Zuhörer, die imstande waren, die komplizierten Gebilde zu entschlüsseln.

Sport

Aus der Njals-Saga stammt folgende Schilderung: Gunnar führte seine Waffen mit links so gut wie mit rechts, beim Bogenschiessen trifft er immer, er erreicht beim Sprung in voller Kampfausrüstung eine Höhe, die seine eigene Körpergrösse übertrifft, er vermag vorwärts und rückwärts gleich weit zu springen, er schwimmt wie ein Seehund und gewinnt jeden Wettkampf, egal in welcher Sportart. Der Sport wurde großgeschrieben bei den Wikingern. Man hielt schon die Kinder an, sich darin zu üben; auch dafür finden sich Belege in den Sagas. "Disziplinen" waren wohl Skilaufen, Schlittschuhlaufen, Ringen, Schwimmen und Bogenschiessen. Bei Festen wurden Wettkämpfe ausgetragen, die Zuschauer von nah und fern anlockten. In der Eyr-Saga heisst es:" Bei den Leuten von der Breidavik war es Brauch, jeden Herbst Ballspiele abzuhalten. Aus der ganzen Umgebung kamen Männer dorthin. Es wurden grosse Buden für die Zeit der Spiele errichtet; da hielten sich die Leute auf und blieben einen halben Monat oder länger." Was für Spiele das waren, ist den Quellen allerdings kaum zu entnehmen. Man nimmt an, daß im Winter auf gefrorenen Flächen eine Art Eishockey getrieben wurde. Die Mannschaftsspiele auf dem trockenen Land muss man sich wohl als Rugby vorstellen, bei dem es hart zur Sache ging und Massenschlägereien immer in der Luft lagen. Die Egil-Saga erzählt von einem "grossen Ballspiel", das Kinder austragen und bei dem auch schon Totschläge vorkommen. Vielleicht hatten diese Veranstaltungen Ähnlichkeit mit einem Spiel namens "Ba`", das bis heute auf den Orkneyinseln ausgetragen wird und angeblich aus der Wikingerzeit stammt (damals soll als Ball ein abgeschlagener Kopf gedient haben ): Zwei Mannschaften von je 100 Mann bemühen sich, eine Lederkugel von der Größe eines Medizinballes durch die Strassen der Hauptstadt Kirkwall zu tragen und in das gegnerische Tor zu befördern. Das Spiel kann einen ganzen Tag lang dauern, es gibt weder Regeln noch einen Schiedsrichter, das Spielfeld ist unbegrenzt, die Leute klettern auch über die Dächer, und am Schluß des brutalen Spektakels haben die Ärzte mit zahlreichen Knochenbrüchen und ausgerenkten Gliedern zu tun ...

Ehre

Es kam darauf an, in der Öffentlichkeit etwas darzustellen und allgemeines Ansehen zu geniessen, daraus definierte sich die Ehre. Schon die geringste Kränkung konnte verheerend wirken; und wenn sie nicht sofort geahndet wurde, blieb sie als Makel auf der Person haften. Niemand wollte als einer gelten, den man herumschubsen kann, also befand sich jeder sozusagen auf dem Sprung, stets bereit, auf Angriffe, und sei es nur ein unbedachtes Wort, mit aller Härte zu reagieren. Nur ja nichts auf sich sitzen lassen, das war die Maxime. Die Vergeltung für eine beschmutzte Ehre durfte so massiv sein, wie sie wollte, und brauchte sich um den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit nicht zu kümmern. "Scharte auswetzen" hieß, den Beleidiger umzubringen, egal was daraus folgen mochte. Nur im Tod des Widersachers fand das gekränkte Ehrgefühl seine völlige Genugtuung. Natürlich wäre es in vielen Fällen auch möglich gewesen, sein Recht vor Gericht zu suchen, aber besonders populär war das wohl nicht, jedenfalls wenn man dem Zeugnis der Sagas glauben will – und mangels sonstiger Quellen zum gesellschaftlichen Leben der Wikinger bleibt kaum anderes übrig: Von insgesamt etwa 500 Familienfehden erzählen die Sagas, und prüft man, welche Methoden zur Lösung der Konflikte angewendet werden, so sind es nur 30 Fälle, in denen die Gerichte das letzte Wort haben und die Probleme mittels Geldbussen aus der Welt geschafft werden. In allen übrigen waltet das finstere Gesetz der Blutrache bis zum Ende. "Den toten Vater im Beutel tragen" – mit diesem geflügelten Wort für den Sohn, der es unterlässt, seinen Vater zu rächen, ist die Abneigung gegen das gütliche Beilegen von Streitfällen genügend gekennzeichnet.

Freundschaft

In der Hávamál heisst es: "Der Freund soll dem Freunde Freundschaft bewähren, / Ihm selbst und seinen Freunden", Das ist die Moral der Schiffsgemeinschaft: An Bord muss unbedingtes Vertrauen gegenüber dem anderen herrschen, jeder muss sich auf den anderen verlassen können. Die Bindung die der Wikinger hier zu seinem Nächsten eingeht, ist eine andere als die an seine Verwandten und seine Familie. Ihre ökonomische Grundlage ist unverkennbar, die Lebensregeln der "Hávamál" führen das mehrmals aus: Freundschaft besteht im gegenseitigen Geben und Nehmen, "Gabe gelte mit Gabe" lautet das Prinzip. Und sie fügen weise hinzu: Freunde kann man verlieren, wenn man sich nicht um sie kümmert, also soll man sie oft besuchen. Und gegen falsche Freunde sind jeder Betrug und jede Lüge erlaubt. Freundschaft hält man auch mit den Göttern; für das Opfer, das er ihnen bringt, erwartet der Wikinger eine Gegenleistung. Bleibt sie aus, kündigt man dem Gott die Freundschaft, wie der Skalde Egil Skallagrimson, der im Gedicht "Sonatorrek" davon erzählt, daß er sich mit Odin überworfen habe, weil dieser den Tod seiner Söhne zuließ. Die Sagas bieten einige schöne Beispiele von Freundschaft, am schönsten diejenige zwischen Gunnar und Njal in der Njals-Saga, ein Bund zweier reifer, erfahrener Männer, die einander auch kritisieren, wenn es nötig ist. Gunnar heiratet die böse Hallgerd, obwohl ihm Njal davon abrät. "Unsere Freundschaft wird sie nie zerstören", sagt Gunnar. Das schafft Hallgerd zwar nicht, aber sie fängt Streit mit Njals Frau Bergthora an, woraus eine Kette von Totschlägen zunächst im Dienstbotenmilieu ( die Frauen stiften jeweils ihre Knechte an, einander umzubringen ) entsteht, aber nach dem Gesetz der Blutrache wird die Fehde bald auch die höheren Kreise ereilen. Nun ist es beinah komisch zu verfolgen, wie die beiden Familienvorstände Gunnar und Njal, um ihre Freundschaft zu retten, immer aufs neue miteinander in Verhandlung treten, um Bußzahlungen für die Erschlagenen festzulegen, und sie immer tiefer in den Beutel greifen müssen, da bei den feindseligen Begegnungen bald nicht mehr einzelne, sondern ganze Gruppen ums Leben kommen. Aber gegeneinander ziehen sie nicht, daran halten die Freunde fest. Dem Tod entgehen die beiden jedoch nicht; ausser Kontrolle geraten, begräbt sie der Familienzwist doch unter sich...

Geburtsriten

Wie so vieles andere im Leben der Wikinger sind auch die Gebräuche im Zusammenhang mit der Geburt erst in späterer, christlicher Zeit aufgezeichnet worden. Was daran "authentisch" ( im Sinne von "heidnisch") ist, läßt sich nicht in jedem Fall bestimmen. Mit dem vielsagenden Wort "sie ist nicht mehr allein" umschrieb man, daß eine Frau schwanger war. Ob es Abtreibungen oder Verhütungen gab, ist nicht bekannt. Der Gebärenden assistierten zahlreiche Frauen, die die Geburt möglicherweise mit magischen Liedern begleiteten. Das Neugeborene wurde auf den Boden gelegt und so der Mutter Erde übergeben. Danach nahm der Vater eine Untersuchung des Kindes vor. Er hatte das Recht die Annahme zu verweigern, was Aussetzung und Tod des Neugeborenen bedeutete und wenn ein Kind missgebildet oder schwächlich erschien oder wenn Hungersnot herrschte, wurde wohl die Kindesaussetzung praktiziert, selbst dort, wo man bereits das Christentum angenommen hatte. Mit diesem Mittel wurde wahrscheinlich auch Bevölkerungspolitik "von unten" getrieben; die Aussetzung betraf vorwiegend Mädchen, deren Zahl absichtlich klein gehalten wurde, um die Chancen auf dem Heiratsmarkt zu verbessern. Indiz dafür ist, daß in den Sagas zahlreiche ledige Männer vorkommen, aber nie alte Jungfern oder unverheiratete Tanten. Entschloss sich der Vater, das Kind anzunehmen, sah der Brauch eine Reihe von Handlungen vor: Der Vater musste das Kind vom Boden aufnehmen und gen Himmel heben, als eine Art Opfer an die großen Mächte der Natur. Als nächstes wurde es mit Wasser besprengt, was sich in gleicher Weise als christliche Taufe wie auch als uralter Reinigungsritus deuten lässt. Schliesslich hatte der Vater dem Kind einen Namen zu geben. Letzteres war eine höchst wichtige Angelegenheit. Der Name entschied über die Aufnahme in den Familienverband, das Kind erhielt damit die eigentliche Existenz. Sein Name verband ihn mit einer Kette ruhmreicher Vorfahren, bei der Auswahl eines passenden Namens griff man gern auf den eines besonders vom Glück gesegneten Ahnen zurück, dessen Heil – so die Vorstellung – dann ohne weiteres auf den neuen Namensträger übergehen würde. Einen Nachnamen gab es bei den nordischen Völkern nicht, man war immer nur "Sohn ( oder Tochter ) des ...". Daher die Gewohnheit, sich einen Beinamen zuzulegen ( oder damit belegt zu werden ), bei deren Wahl dann Phantasie und Witz walten durften. Dann hieß einer "Dorschbeißer" oder "Glatze" oder "Bremsenrüssel". Auch Häuptlinge und Könige wurden nicht geschont. Neben "gewöhnlichen" Epitheta wie "der Rote", "der Starke", "der Weise" stehen dann groteske oder blutrünstige wie "der Knochenlose", "Blauzahn" oder "Blutaxt"...



Jahreslauf

Das Leben in der Wikingerzeit verlief in den Zyklen einer bäuerlichen Kultur. Es gab zwei Jahreszeiten, Sommer und Winter. Man zählte nicht nach Jahren sondern nach Wintern. Ein 18jähriger war also "18 Winter" alt. Und auch nicht nach Tagen wurde gerechnet, sondern nach Nächten. Ein Ereignis, drei Tage her, hatte sich also "vor drei Nächten" zugetragen. Das Jahr – oder der Sommer – begann im April. Die Schneeschmelze war im gang oder beendet, das Vieh kam hinaus auf die Weide. Ein kritischer Moment, denn um diese zeit waren die Tiere, nach acht Monaten Aufenthalt im Stall und mit Heu vom letzten Jahr als einzige Ernährung, in der allerschlechtesten Verfassung. Auf den Feldern begann die Frühlingsbestellung, das heißt Pflügen und Säen, dazu Arbeiten wie Torfstechen, Bäumfällen, Zäune ziehen, Instandsetzen von Booten und Schiffen. Mitte Mai zog man aus, um Eier der Seevögel zu sammeln; die Schafe wurden geschoren. Im Juni begann der Almauftrieb, das Vieh wurde auf die Hochweiden gebracht, wo sich in den nächsten zwei Monaten eine Almwirtschaft mit Käserei entwickelte, wie sie aus den Alpen bekannt ist. Die Arbeit auf den Bauernhöfen wurde nun weniger, und die freien Männer hatten Zeit, sich zum Thing zu versammeln. Gleichfalls im Juni starteten die Wikingerzüge – Handelsfahrten oder Raubzüge, je nachdem wie sie geplant waren. Drei Monate blieben dafür, dann mußte die Rückkehr erfolgt sein, es sei denn, man überwinterte irgendwo. In die Zeit zwischen Mitte Juli und Mitte September fielen die beiden wichtigsten bäuerlichen Arbeiten des Sommers, die Heumahd und der Getreideschnitt. Danach kehrte das Vieh von den Almen zurück. Dabei kam es oft zu Streit unter den Besitzern, denn die Tiere trugen zwar Marken, aber wenn sie zusammengetrieben und sortiert wurden, fand sich das eine oder andere doch nicht an oder war in fremde Hände übergegangen. Vorbereitungen für den Winter waren zu treffen, Fisch und Fleisch wurden eingesalzen, teilweise lagerte man die Wintervorräte in Gruben und ließ sie einfrieren. Die "Jagdsaison" wurde eröffnet. Dann brach Mitte Oktober der Winter an, die Zeit der Dunkelheit und der Kälte. Zunächst aber ging es hoch her, der Oktober war die Zeit, da Familienfeste gefeiert wurden und das Bier in Strömen floß. Danach verlangsamte sich der Lebensrhythmus, draußen ließ sich nicht mehr viel tun, allenfalls Schlittenfahren, Eislaufen und Fischen an den Löchern, die ins Eis der Seen gebohrt wurden. Häusliche Arbeit war nun angesagt, Handwerkstätigkeiten aller Art, Spinnen, Weben, Schneidern und Nähen, Schreinern, Drechslern und Schmieden. Zu Mittwinter, im Dezember, wurde das Julfest gefeiert, und danach folgte abermals eine Kette düsterer Monate, die man in den Häusern zu verbringen hatte, bis im April das Jahr in sich selber lief...

Navigation

Sie hatten weder Seekarte noch Kompaß und fanden sich doch auf der Ost – und Nordsee und sogar auf den Weiten des Atlantiks zurecht: Lange ist gerätselt worden, wie die Navigation bei den Wikingern funktionierte. Die Antwort, die die Forschung mittlerweile gibt, ist simpel: Die Grundlage wikingischer Seemannschaft war Erfahrung, die jahrhundertealte Erfahrung eines Fischer und Seefahrervolkes. Einer gab sein Wissen dem anderen weiter, die Routen existierten als Bilder in den Köpfen. Man segelte, wo irgend möglich, bei Tageslicht und schönem Wetter und wartete bei widrigen Verhältnissen geduldig ab, bis die Sicht aufklarte und der Wind günstig stand ( Herzog Wilhelm von der Normandie verbrachte so im Jahre 1066 mit seiner Flotte 46 Tage untätig am Strand, bevor er zur Invasion Englands aufbrach). Seefahrt, auch über lange Strecken, war erst einmal Küstenschifffahrt, man hielt sich möglichst in Sichtweite der Küste und ihrer charakteristischen Landmarken und nahm auch beträchtliche Umwege in Kauf. Hilfreich beim Auffinden und Erkennen der Landmarken waren beschreibende Ortsnamen; hieß eine Insel "Helm", dann wußte ein Schiffer, vor dem sich ein Land mit helmartigen Konturen aus dem Meer erhob, woran er war. Bei Fahrten über die offene See verließen sich die Seeleute auf die Beobachtung der Gestirne und auf ihre Kenntnis von Strömungen, vorherrschenden Windrichtungen, charakteristischen Wolkenformationen über unsichtbaren Inseln, Färbungen des Wassers, Auftreten von Fischschwärmen, Farbe und Wuchs des Seetanks und ähnlichem. Es war ihnen möglich, Himmelsrichtungen ziemlich genau anzugeben und am Sonnenhöchststand ihre ungefähre Position geographischer Breite zu bestimmen. Damit beherrschten sie das Latitudinalsegeln, also das Fahren auf einem bestimmten Breitengrad, was auf den Ost-West-Verbindungen, etwa Norwegen-Färöer-Island-Grönland-Neufundland, zum Tragen kam. Soweit Segelanweisungen für Törns über hohe See erhalten sind, lassen sie genau diese mixtur aus astronomischer und Terrestrischer Navigation und Beobachtung der natürlichen Umwelt erkennen. So heißt es etwa in einem Text des 14. Jahrhunderts, der sicherlich das Wissen einer früheren Epoche wiedergibt: "Von Hernar in Norwegen bis Hvarf in Grönland soll man immer nach Westen segeln; dabei segelt man so weit nördlich von Shetland vorüber, daß dies nur bei ganz ruhiger See sichtbar ist, und so weit südlich von den Färöern, daß die See in halber Höhe der Bergküste liegt, und so weit südlich von Island, daß Vögel und Wale von dort Hinüberkommen." Hernar ( heute Hennö) liegt am Ausgang des Bergenfjords in der Nordsee, Hvarf ist das heutige Kap Farvel an der Südspitze Grönlands. Seevögel vermögen Land anzuzeigen, bevor es sichtbar ist, das Auftauchen der Wale verweist auf das Zusammentreffen von Hauptmeeresströmungen oder das Aufsteigen nährstoffreicher tieferer Meeresschichten in der Nähe einer Landmasse. An der verschiedenen Höhe eines Landes überm Horizont lassen sich Entfernungen darstellen. Vögel waren auch sonst den Wikingern beim Navigieren nützlich, so wird im Landnahmebuch von Seefahrern berichtet, die Raben mitgenommen hätten; wenn der Schiffer nicht mehr weiter wußte, ließ er die Vögel frei und Folgte der Richtung ihres Fluges, der sicher in Richtung Land ging. Es ist über sogenannte Sonnensteine spekuliert worden, die die Wikinger besessen haben sollen, Geräte aus Feldspat (das das Licht polarisiert), mit denen sich auch bei wolkenverhangenem Himmel die Sonne habe feststellen lassen. Aber dafür wäre wenigstens etwas klarer Himmel erforderlich, womit der praktische Nutzen eines solchen Instruments doch gering bleibt. Auch mit der hölzernen "Peilscheibe", die auf Grönland gefunden wurde und die Orientierungsskala oder Sonnenkompaß gewesen sein soll, ist wenig anzufangen. Das einzige technische Hilfsmittel, dessen sich die Wikinger mit Sicherheit bedienten, war das Lot. Die Bestimmung der wassertiefe mit dem Senkblei ist für das navigieren in küstennahen Gewässern – und dort lag ja das Hauptfahrgebiet – unerlässlich. Aus dem Bericht, den der Kaufmann Wulfstan vor Alfred dem Großen ablegte, geht hervor, daß das Lot beim Segeln in den flachen Gewässern der südlichen Ostsee weiterhalf. Und auf dem Teppich von Bayeux ist zu sehen, wie es eingesetzt wurde: Ein Mann steht am Bug des Führungsschiffes der Normannenflotte und läßt das Lot in die Tiefe. Dazu gab es wohl neben den natürlichen Landmarken auch noch künstliche, etwa Hafeneinfahrten, die nicht immer leicht zu finden waren. Bei dem "vulkanischen Topf", den Adam von Bremen bei seiner Beschreibung von Jomsburg erwähnt, mag es sich sogar um ein ständig unterhaltenes Leuchtfeuer gehandelt haben...



Taktik

Man hat von einer "Blitzkrieg"-Taktik der Wikinger gesprochen. Das ist übertrieben. Blitzartig waren ihre Aktionen schon, nur ein komplettes Konzept der Kriegsführung lag nicht vor; der Blitzkrieg, wie ihn die Strategen heute verstehen, zielt ja auf einen rasch erfochtenen, aber auch vollständigen Sieg über den Gegner, und der war bei den Wikingern so nicht möglich. Ihre Domäne war der Nadelstich – oder um in der Terminologie der Gegenwart zu bleiben – die Guerilla, das Kommandounternehmen. Strandhögg, Stranddieb, nannten sie den Überfall vom Schiff aus auf eine ungeschützte Siedlung, ein Kloster, und sie entwickelten beachtliche Fähigkeiten in dieser Kunst – vom Auskundschaften des besten Landeplatzes bis zum geordneten Rückzug nach vollbrachter Tat. Auch zu Lande verstanden sie sich auf das schnelle Zuschlagen. In der Chronik des Regino von Prüm zum Jahre 892 ist mit widerwilliger Bewunderung ein solcher Zug von Wikingern quer durch Feindesland geschildert. Er beginnt an der Maas, "alles vertilgend" ziehen die Nordmänner nach Bonn. Dort tritt ihnen ein christliches Heer entgegen, vor dem sie in die Wälder ausweichen. "Mit der größtmöglichen Schnelligkeit" rücken sie nach Prüm vor, der Abt und die Mönche können gerade noch fliehen, das Kloster wird verwüstet. Die Wikinger durchqueren die Ardennen, unterwegs greifen sie "ohne Verzug" eine Burg an und erobern sie. Unbehelligt erreichen sie ihre Schiffe und fahren "mit ungeheurer Beute" davon. Setzten die Nordleute jedoch einmal alles auf eine Karte und ließen sich auf regelrechte Schlachten ein, konnte es passieren, daß sie den kürzeren zogen. Im Umgang mit Waffen geübt und an das Ausüben und Erleiden von Gewalt von klein auf gewöhnt, kannten die Wikinger kriegerische Aktionen nämlich nur als Kampf Mann gegen Mann, und was über solche Kriegsführung hinausging, war ihnen fremd. Beim Zusammentreffen mit einer Übermacht oder einem taktisch geschulten, disziplinierten Gegnererlitten die Wikingerhaufen daher zumeist Niederlagen. – Auch für den Kampf auf See, das heißt Schiff gegen Schiff oder Flotte gegen Flotte, entwickelten die Wikinger keine eigene Taktik. Das Schiff selbst wurde nicht als Kampfmittel eingesetzt, es gab kein Ausmanövrieren oder Rammen, man bewarf den Gegner mit Steinen und Speeren und schoß Pfeile ab. Danach ging man bei ihm längsseits und sprang hinüber, um mit Schwert und Axt die Entscheidung zu suchen. Trafen Flotten in Seeschlachten aufeinander, fand das gleiche im großen Maßstab statt, allenfalls wurden die einzelnen Schiffe zu einem festen Block miteinander vertäut, um die auf ihnen stationierten Kräfte verschieben zu können. Nach wie vor aber galten Entern und Nahkampf als einzige Möglichkeit, einen Sieg zu erringen. ...Allenfalls konnte ein Flottenführer, wenn er über zahlenmäßige Überlegenheit verfügte, seine Streitmacht aufteilen, um den Gegner in die Zange zu nehmen. Vom Göttervater Odin höchstpersönlich soll diese "taktische Variante" ersonnen worden sein – bei Svolder wurde sie erfolgreich exerziert.



Wikingermythos

Lange Zeit war es nicht möglich, ein differenziertes Bild der Wikingerzeit zu zeichnen, weil ein Mythos davor stand, ein Bild, das sich frühere Zeiten von den Wikingern gemacht haben und das sich bis heute gehalten hat: Als Met saufende Gesellen mit Hörnerhelmen, die übers Meer brausen und Tod und Teufel nicht fürchten, als ein wildes, ungezähmtes Geschlecht, das barbarische Bräuche übt und bürgerliche Sicherheiten verhöhnt, geistern die Wikinger noch immer durch Filme und Romane. Die ersten Versatzstücke zum Wikingermythos stammen schon von den Zeitgenossen. Die Geistlichen, die in den Klöstern Westeuropas ihre Chroniken verfaßten, machten sich wenig Mühe, zu ergründen, was es mit den Nordleuten auf sich habe; sie erscheinen stets als Würger und Bestien, und selbst wenn einer genauer hinsieht, wie Adam von Bremen, ist doch sein Blick (auf die religiösen Bräuche der heidnischen Wikinger etwa) durch den eigenen christlichen Glauben verzerrt. Distanzierter und neutraler sind die Berichte der arabischen Reisenden, aber auch sie können die Prägung durch die eigene Kultur nicht verleugnen. Am nachhaltigsten wurde der Mythos von den Nachfahren der Wikinger selbst in einem Prozeß der Rückbesinnung und Selbststilisierung geformt. Die Literatur, die im 12. und 13. Jahrhundert vor allem auf Island entstand, malt ein glorreiches Bild der Vergangenheit. Fakten und Fiktionen sind untrennbar vermischt. Ein moderner Forscher, Lars Lönnroth, vergleicht diese Art, Legenden zu verstricken, mit dem amerikanischen Western, bei dem auch jeder Held von einem Gespinst von Fabeln umgeben ist. Die Geschichtsschreibung dieser Zeit, etwa die Werke von Saxo Grammaticus oder Snorri Sturluson, wurde in den folgenden Jahrhunderten in jedem Punkt für bare Münze genommen. Schwedischen und dänischen Altertumskennern des 16. und 17. Jahrhunderts dienten sie zur Untermauerung ihrer Thesen von der geschichtlichen Würde ihrer jeweiligen Staaten und zur Begründung von deren Großmachtansprüchen. Nachdem das Zeitalter der Aufklärung für einige Ernüchterung gesorgt hatte, erfuhr die Wikinger-Liebhaberei am Ende des 18. Jahrhunderts einen neuen Aufschwung. Es war die Zeit, da auf dem europäischen Kontinent, vor allem in England, die alte Volksdichtung entdeckt wurde und schottische Balladen aus dem frühen Mittelalter in aller Munde waren – je wilder und archaischer, desto besser. Die gleiche ursprüngliche Art des Dichtens und Denkens meinte man danach auch in der angeblich aus Urzeiten stammenden Poesie der "Edda", der Skaldendichtung und der Sagas wiederzufinden: eine Kultur "in vollkommendem Einklang mit der Natur und der Volksseele" (L.Lönnroth). Die bis dahin eher philosophisch-ästhetisch geprägte Romantik in Skandinavien bekam im 19. Jahrhundert nationalistische Untertöne. Die Verfassung der Frühzeit, mit dem freien, selbstbewussten Bauerntum als Grundlage, sollte wiederbelebt werden und mit ihr der "Wikingergeist", worunter das wilde Abenteurertum zu See genauso verstanden wurde wie das zähe Ausharren auf der Scholle. Die Dichtungen Erik Gustaf Geijers (1783-1847) und des Bischofs Esaias Tegnér (1782-1846), beide Mitglieder im "Götiska förbundet", einer Vereinigung schwedischer Wikingerfreunde, liefern dazu die besten Beispiele. Auch die Volkshochschulbewegung, die der Däne Nicolai Frederik Severin Grundtvig (1783-1872) ins Leben rief, stellte das "lebendige Wort" der mündlichen Überlieferungen aus der Wikingerzeit gegen die tote Gelehrsamkeit der traditionellen akademischen Bildung. Grundtvigs Ideen kamen nicht nur bei den Intellektuellen an, sondern stießen auch beim Bauerntum und den Teilen des liberalen städtischen Bürgertums auf Zustimmung. Es wurde in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts Mode, Kostümbälle in Wikingertracht zu organisieren und Wohnungen im Wikingerstil (was immer man dafür hielt) einzurichten. Künstler malten Wikingerszenen, Politiker versuchten, auf Wahlveranstaltungen wie Wikingerhäuptlinge zu reden, und die Wirtschaft verwendete die Namen altnordischer Götter und Helden für ihre Produkte. In Norwegen, auf Island und den Färöern besann man sich darauf, daß in der provinziellen Kultur noch echte Wesenszüge der altnordischen Epoche erhalten waren. Passend dazu erfolgten 1880 bzw. 1904 die Ausgrabungen der Schiffe von Gokstad und Oseberg, die nun auch materielles Zeugnis für eine glorreiche Wikinger-Vergangenheit ablegen konnten. Einen besonderen Stellenwert hatte das wikingische Erbe unter den Skandinaviern, die im 19. Jahrhundert nach Amerika auswanderten. Ihre Ansiedlung in der Neuen Welt erschien ihnen wie eine Wiederholung früherer Landnahmen auf Island oder gar in Amerika selbst, dem Vinland, das Leif Eriksson einst entdeckt hatte. In Deutschland nahm die Wikingerverehrung einen eigenen Weg. Richard Wagner brachte mit seinem Musikdramenzyklus "Der Ring des Nibelungen" (1869-1876) die ganze altnordische Götter- und Heldenwelt auf die Bühne, gedeutet im Licht spätromantischer Philosophie. Wagnerische Mystik, Friedrich Nietzsches Lehre vom Übermenschen, imperialistischer Ehrgeiz des neuen deutschen Reiches und krause Rassetheorien gingen eine gefährliche Mischung ein, an deren Ende die wahnhafte Idee einer Überlegenheit der nordischen Rasse stand, wie sie Heinrich Himmler und andere Ideologen des Nationalsozialismus vertraten. Die Wikinger galten nun als Kühne Eroberer, die sich zu Recht die Welt untertan machten, und die Deutschen nebst anderen "Germanen", soweit sie sich anzuschließen wünschten, als legitime Nachfolger. Als im zweiten Weltkrieg europäische Freiwillige für den Kampf gegen Bolschewismus in der Waffen-SS geworben wurden, gab man der Division, in der hauptsächlich Norweger dienten, dann auch den Namen "Wiking". Nach 1945 war mit der Nazivariante des Wikingermythos vorerst Schluß, und auch sonst ließ in der Welt die Begeisterung für wikingisches Wesen nach, um ernsthafter Forschung Platz zu machen. Heute ist, abgesehen von neonazistischen Kreisen, in denen noch (oder wieder) germanische Blut-und-Boden-Mystik zirkuliert und mit martialischen Wikingerassessoires gehandelt wird (es gab da, bis sie verboten wurden, auch eine "Wikinger-Jugend"), der Wikinger eine harmlose Folklorefigur – allerdings in massenhafter Verbreitung. Überall gab es Wikingermessen und Wikingerfestivals, bei denen der Met in Strömen fließt. Kein Hafenplatz an der Ost- oder Nordsee, der nicht behauptet, eine Wikingervergangenheit zu haben. Historische Parks sind eingerichtet, in denen Lebenssituationen der Wikingerzeit präsentiert sind, und gerne werden von Tausenden von Enthusiasten die großen Schlachten von Maldon, Stamford Bridge oder Stiklestad nachgestellt...



Schöpfungsgeschichten

In den Vorstellungen der nordischen Völker war die erschaffene Welt weder etwas schon immer Gewesenes noch etwas plötzlich Entstandenes. Für sie war die Schöpfung ein Prozeß, in dem gegensätzliche Kräfte wirkten. Das "Völuspa"-Lied der "Edda" entwirft ein Bild vom Anfang der Zeit:"Da war nicht Sand, nicht See, nicht salzige Wellen, / Nicht Erde fand sich noch Überhimmel, / Gähnender Abgrund und Gras nirgends." An den äußersten Enden der Ödnis, des Ginnungagap, stehen sich im Norden Niflheim, die Welt des nebels, und im Süden Muspellsheim, die Welt des Feuers, gegenüber. Aus dem Gegeneinander von Kälte und Hitze, Feuer und Wasser entsteht der Urriese Ymir. Im Schlaf schwitzend gebiert er aus seiner Achsel einen Mann und ein Weib und wird so zum Stammvater der Reifriesen. Ihn nährt eine Kuh, Audumla, die aus dem salzigen Eis einen Mann herausleckt, Buri (der Erzeuger), der seinerseits einen Sohn bekommt, Bor (der Geborene). Dieser nimmt eine Riesin zur Frau und zeugt mit ihr drei Söhne: Odin, Wili und We, die ersten Asen. Bors Söhne erschlagen Ymir, und im Strom seines Blutes ertrinken die alten Riesen – bis auf einen, der in einem Boot flieht und ein neues Riesengeschlecht begründet. Die Asen formen aus Ymirs Leib die ganze Welt; sein Fleisch wird zur Erde, sein Blut zu Flüssen und Meer, aus den Knochen werden Felsen und Berge, aus den Haaren die Wälder, aus dem Hirn die Wolken, und der Schädel, getragen von vier Zwergen, bildet den Himmel. – Nach einer anderen Version (die nordische Mythologie kennt keine verbindliche "Endfassung") heben Bors Söhne die Erdscheibe aus dem Meer empor und schaffen daraus Midgard, die spätere Heimat der Menschen. Von Süden her fällt warmes Licht auf den Boden, und grünes Gras wächst heraus. Noch irren Sonne, Mond und Sterne, Funken aus Muspellsheim, planlos umher, aber die göttlichen Brüder weisen ihnen feste Bahnen an und ordnen die Folge von Tag und Nacht, Jahren und Jahreszeiten. In der Mitte der Welt über Midgard errichten sie sich einen Wohnsitz, Asgard, den sie über die Regenbogenbrücke Bifröst verlassen können. Die Riesen sind verbannt nach Utgard, der steinigen, unwirtlichen Wüste am Rande. Fehlen nur noch die Menschen. Aus zwei am Meer angeschwemmten Baumstämmen bilden die Götter Ask und Embla, das erste Menschenpaar, das sich in Midgard ansiedelt. – Wieder eine andere Version sieht den Weltbau als einen ungeheuren Baum. Eine ewig grüne Esche breitet sich über die ganze Welt, ihr Stamm erhebt sich aus der Mitte der Erde, Gezweig und Krone erfüllen den Himmel. Die Weltesche heißt Yggdrasil ( Odins Galgen), nach einer seltsamen Sage hat der Göttervater neun Tage lang als Selbstopfer an ihr gehangen. Am Fuß der Esche liegt die Thingstätte, wo die Götter Rat halten. An den Quellen, die um die Wurzel fließen, halten die schicksalskundigen Nornen Wacht. Der Baum ist ständig bedroht: Vier Hirsche beißen seine Triebe ab, der Drache Nidhögg nagt am Stamm und an den Wurzeln fressen Schlangen – Ragnarök, das Verderben, das der Welt der Götter und Menschen droht, kündigt sich an.



Menschenopfer

Bei den alten Germanen war es durchaus Brauch, den Göttern nicht bloß Tiere, sondern auch Menschen zu opfern. In der "Germania" des Tacitus heißt es: " Menschenopfer zu bringen hält man für eine heilige Pflicht." Der römische Schriftsteller schildert eine Opferzeremonie bei den Semnonen, bei der sich "Abordnungen aller blutsverwandten Stämme in einem heiligen Hain" versammeln, um "diesen schauerlichen Gottesdienst", die Schlachtung von Menschen, wahrscheinlich Kriegsgefangenen, zu begehen, und gibt auch eine Beschreibung des Heiligtums der Nerthus "auf einer Insel im Meer" ( vermutlich der Ostsee). Ein geheimnisvoller dunkler See liegt darin, in dem die Göttin ein reinigendes Bad nimmt, wenn sie bei den Menschen war; die Sklaven aber, die dabei Dienst getan haben, werden im See ertränkt. Die Archäologie hat Belege beigebracht, Leichen aus der Zeit um Christi Geburt, die in den Mooren Norddeutschlands, Jütlands und Südskandinaviens aufgefunden wurden und bei denen es sich offenbar um rituell hingerichtete Verbrecher oder auch um Menschen handelte, die sich mehr oder weniger freiwillig töten lassen, wie es von dem berühmten Tollundmann angenommen wird, der 1950 im Moor von Tollund (Jütland) entdeckt wurde. Er trägt noch die Schlinge um den Hals, mit der er erdrosselt wurde, und dennoch zeigt sein Antlitz keine Spur von Schrecken oder Schmerz. Wieweit Bräuche dieser Art noch in die Wikingerzeit reichten, ist schwer zu sagen. Die in den skandinavischen Quellen beschriebenen Opferriten betreffen nur Frucht- oder Tieropfer. Gleichwohl nimmt man an, daß vereinzelt auch Menschenopfer vorkamen oder wenigstens erwogen wurden, wie etwa bei der Abstimmung über die Einführung des Christentums auf Island, als die heidnische Partei drauf und dran war, je zwei Männer aus jedem Viertel der Insel zu opfern, um so die alten Götter zum entscheidenden Kampf gegen den neuen Glauben zu stimulieren. Mit Fragezeichen zu verstehen sind die Berichte der deutschen Chronisten Thietmar von Merseburg und Adam von Bremen. Thietmar berichtet, der deutsche König Heinrich I. habe bei seinen Dänenkämpfen im Jahr 934 auch mit dem alten Unwesen der Menschenopfer Schluß gemacht, die ihre Heimstatt in Lejre auf Seeland gehabt hätten und denen regelmäßig 99 Menschen auf einmal zum Opfer gefallen seien. Adam erzählt von einem heidnischen Heiligtum bei Alt-Uppsala, wo Menschen zu Ehren der Götter in einem Teich ertränkt oder in großer Zahl geschlachtet und in die Bäume gehängt würden. Hier mögen Gräuelgeschichten aus zweiter Hand oder auch Reminiszenen an vergangene Zeiten vorliegen. Das sich die Wikinger gleichwohl aufs rituelle Töten verstanden, zeigen die Beobachtungen, die der arabische Reisende Ibn Fadlan im Jahre 922 bei einer Bestattung in Bolgar machte: Eine Sklavin, die sich bereit erklärt, den verstorbenen Häuptling ins Totenreich zu begleiten, wird von dessen Leuten unter Assistenz einer hexenhaften alten Frau nach genau festgelegtem Verfahren erwürgt und erstochen.

Trinkgelage

Einschlägige Auskünfte hält bereits der römische Schriftsteller Tacitus bereit: "Den Durst können die Germanen am wenigsten ertragen. Tag und Nacht durchzuzechen empfinden sie nicht als Schande. Freilich gibt es in der Trunkenheit auch oft Zank und Streit, das kann nicht ausbleiben. Über die Beilegung von Fehden, über Heiraten, über die Wahl von Stammesoberhäuptern, auch über Krieg und Frieden beraten sie meistens bei Gelagen. Die geheimsten Gedanken werden dann offenbar, und zu keiner anderen Zeit ist ihnen der Geist für wahre Gedanken offener und für Großes entzündbarer." Hasso Spohde hat eine Deutung germanischer Trinksitten gegeben, die auf die Bräuche der Wikinger ohne weiteres zu übertragen ist. Das Gelage war ein Gottesdienst und stand als solcher oft in Zusammenhang mit religiösen Handlungen und den jahreszeitlichen Festen, zu denen den Göttern Opfer gebracht wurden. Der Trunk versetzte die Menschen in Ekstase, machte sie zu Teilhabern eines Mysteriums, erlaubte ihnen für gewisse Zeit, in die Welt der Götter einzugehen. Das Trinken geschah in Gesellschaft und nur dort. Einsam zu Hause den Becher zu leeren war nicht Sinn der Sache. Hauptgetränk war das Bier, Wein gab es wohl nur ausnahmsweise oder wenn man sich im Erzeugergebiet befand, etwa im Fränkischen Reich, auch der berühmte Met war eine Rarität. Zum Trinken versammelten sich ausschließlich Männer. Kinder und Unfreie hatten dabei nichts zu suchen, Frauen wurden allenfalls in dienender Funktion geduldet, nämlich zum Einschenken. Das Gelage stiftete Gemeinschaft und hielt sie zusammen. Man begann mit dem "Erinnerungstrunk" zum Gedenken an die Vorfahren, um sich deren Wohlwollen zu versichern. Dann wurden die Becher oder Trinkhörner nach bestimmten Formeln auf das Heil aller anderen Teilnehmer geleert, wobei die soziale Rangordnung genau zu beachten war. Trinkrituale sorgten dafür, daß die Teilnehmer sich gleichmäßig betranken und niemand vorpreschte, denn das im Rausch Gefahren lagen, war allen bewußt, nur gemeinsam wollte man sich deshalb auf den Weg "in die heilige Sphäre" (H.Spohde) machen. Einen dargebotenen Becher abzulehnen galt als Frevel. Besonders wichtig war das Zutrinken, wenn ein Fremder am Gelage teilnahm. Fremde waren gefährlich und gefährdet, erst im gemeinsam genossenen Rausch konnte man ihrer und konnten sie selbst sicher sein. Natürlich lief ein Gelage auch mal anders ab als gewünscht, die Trinkenden vergaßen sämtliche Hemmungen, wurden auch absichtlich betrunken und damit wehrlos gemacht, während ihre Widersacher nüchtern blieben. Und Krawall, wie schon Tacitus wußte, lag immer in der Luft, konnte auch unversehens in Prügelei oder sogar Totschlag ausarten, denn zum Trinken ging man in Waffen. Verschiedentlich warnen die Lebensregeln der "Hávamál" vor den bösen Nebenwirkungen des Alkohols: "Nicht üblern Begleiter gibt es auf Reisen, / als Betrunkenheit ist", oder "Um so minder, je mehr man trinkt, / Hat man seiner Sinne Macht." Die Folgen nämlich sind fatal: " Viele Männer sind sich freundlich gesinnt, / Doch beim Gelage lästern sie; / Unfrieden weckt das ewiglich, / Es hadert Gast mit Gast." Das Gelage war eine Bewährungsprobe für den Gastgeber, er hatte seinen sozialen Rang zu beweisen, indem er tüchtig auftischen ließ. In einer auf Kampf eingestellten Gemeinschaft fungierte das Gelage "als eine periodisch erneuerte Initiation" (Spohde): Gemeinsam wurde man mit den Gefahren des Trunks fertig und festigte so seinen Kriegerbund. Mit dem Rauschtrank nahm man Kraft auf und zeigte sie auch: Das Kampftrinken blühte, die Kämpfer forderten einander zum Wetttrinken heraus, und höchster Triumph war es, später als der Gegner unter den Tisch zu sinken...

Berserker

„Ljot war sehr groß und ein kräftig aussehender Mann. Als er auf den Platz bei der Kampfstätte vortrat, kam die Berserkerraserei über ihn; er begann schauerlich zu heulen und biß in den Schildrand.“ Das ist eine Beschreibung aus der Egils-Saga. Ähnlich die Ynglinga-Saga: „Sie kämpften ohne Brustpanzer wie rasende Hunde oder Wölfe. Sie hielten ihren Schild mit den Zähnen und hatten die Kraft eines Bären oder Stieres. Sie machten ihren Gegner nieder, und weder Feuer noch Schwert konnten ihnen etwas anhaben.“ In der altnordischen Literatur ist der Berserker ein fester Typus: Groß und hässlich, von bleicher oder schwarzer Gesichtsfarbe, entwickelt er zeitweilig übermenschliche Kräfte, um nachher in tiefe Erschöpfung zu fallen. Im Kampf sind Berserker wie brüllende Tiere, die in unsinniger Wut sich an den nächsten erreichbaren Dingen festbeißen und keine Verletzungen spüren. Mal begegnen sie als Gefolgschaft eines Fürsten, dem sie als Elitekrieger dienen (meist zu zwölft), mal auch als einzelgängerische Übeltäter, als Vergewaltiger, Räuber und Totschläger, mit denen kein anständiger Mensch etwas zu tun haben möchte. Welche soziale oder kultische Wirklichkeit sich hinter dem literarischen Klischee verbirgt, ist nicht vollständig klar. Eine ekstatische Kampfweise wird den Germanen bereits von den antiken Schriftstellern bescheinigt; der „furor teutonicus“ wurde sprichwörtlich. Verbindungen zu alten Maskenkulten und Vorstellungen von Tiermenschen mögen bestehen. Etymologisch rührt wohl Berserker von „Bär“ her (wörtlich „Bärenhemd“, der „Bärenhäuter“ der deutschen Sage), möglich ist aber auch eine Herkunft von „berr“ = bloß, was den Berserker als Entblößten, Hemdlosen erklären würde. Für beides gibt es Belege: daß die Germanenkämpfer sich in Tierfelle hüllten und daß sie in der Schlacht allen Schutz von sich rissen. Die Berserkerwut war unter Umständen selbst erzeugt (durch Ekstasetechniken oder Drogen) oder entstand spontan (als amokartige Geistesverwirrung mit erheblicher Disposition).

Rus

Das heutige Rußland führt seine Geschichte zurück auf das Reich der Kiewer Rus, das sich im 9. und 10. Jahrhundert herausbildete. Herkunft und Bedeutung des Namens Rus sind nicht einhellig geklärt, viel spricht dafür, daß das altnordische Wort für Rudern zugrunde liegt. Denkbar ist ein Zusammenhang mit der schwedischen Provinz Roslagen, möglich ist eine Abteilung aus dem Slawischen: Rus wäre dann die Bezeichung für rothaarige Männer. Alle Versionen decken sich mit dem historischen Befund. Eine skandinavische Oberschicht, zumeist aus Schweden stammend, dominierte zeitweilig im Dreieck zwischen Finnischem Meerbusen, Schwarzem und Kaspischem Meer. Ihre Domäne war der Handel auf den großen Wasserstraßen Newa, Dnjepr, Don und Wolga. Sie war an der Reichsbildung in Kiew beteiligt, wenn auch wohl nicht alleiniger Gründer des Staates (wie es der vielzitierte Bericht der Nestor-Chronik nahe legt). Die Skandinavier – sie selber nannten sich Waräger – verschmolzen bald mit der einheimischen slawischen Bevölkerung, als Gebietsname blieb Rus jedoch erhalten und wurde später auf das Reich übertragen.

Normannen / Normandie

„Nordmanni“ nannten die fränkischen Chronisten die rauen Männer aus dem Norden. Die Bezeichnung wurde bald allgemein für Wikinger gebraucht, also für jeden Skandinavier, der vom 8. bis zum 11. Jahrhundert fremde Länder heimsuchte. Eine Beschränkung auf denjenigen Teil der skandinavischen Expansion, der England, Irland und das Frankenreich zum Ziel hatte, scheint jedoch praktikabel, zumal eine bestimmte Gruppe sich dabei herausschälte, die den Namen Normannen noch über die Wikingerzeit hinaus zu einer geschichtlichen Größe machen sollte. Gemeint sind diejenigen Wikinger aus Dänemark und Norwegen, die sich um 900 an der Seinemündung niederließen. Ihr Führer Rollo schloß 911 einen Vertrag mit dem westfränkischen König Karl III. dem Einfältigen, der ihm die Grafschaften Rouen, Evreux, Lisieux sowie einige angrenzende Gebiete übertrug – das künftige französische Herzogtum Normandie. Rollo wurde Gefolgsmann des Königs und ließ sich taufen. Ein Prozeß der Romanisierung setzte ein: Die Normannen vertauschten ihr hergebrachtes Recht mit dem fränkischen und nahmen die französische Sprache an. 1066 griffen sie in Erbschaftsauseinandersetzungen in England ein; Herzog Wilhelm, genannt der Eroberer, überquerte mit einer Invasionsflotte den Ärmelkanal, besiegte den englischen König Harald Godwinsson in der Schalcht von Hastings und ließ sich in Westminster zum König von England krönen. Normannische Führungsschicht und unterlegene Angelsachsen fanden in der Folge zu einer Sythese zusammen, die dem englischen Nationalcharakter sein besonderes Gepräge gab. – Bereits 1016 ließen sich die ersten Normannen als Söldner von den süditalienischen Städten anheuern, die die Herrschaft der Byzantiner bzw. der Sarazenen abschütteln wollten. Einmal angekommen bleiben sie dort und zogen weitere Landsleute nach. Mitglieder der Familie Hauteville, etwa Wilhelm Eisenarm (gest. 1046), Robert Guiskard (gest. 1085) und Roger I. (gest. 1101), schufen sich aus Ländereien, die sie Byzantinern und Sarazenen abnahmen, eigne Herrschaften in Apulien, Kalabrien und aus Sizilien. Eine Generation später faßte Roger II. (gest. 1154) die normannischen Grafschaften und Fürstentümer des Südens zum Königreich Sizilien zusammen. Der Normannenstaat vereinigte westlich-lateinische, griechische und arabische Traditionen, er wurde zentralistisch gelenkt und von einem effektiven Beamtenapparat verwaltet. Diese „modernen“ Strukturen übernahmen die Staufer, als sie sich ab 1186 durch die Heirat des Kaisersohnes Heinrich VI. mit Konstanze, der letzten Erbin des Hauses Hauteville, in den Besitz des Königreiches Sizilien setzte. Ähnlich wie in England verschmolzen auch in Italien die Normannen mit der einheimischen Bevölkerung; um die Wende des 12/13. Jahrhunderts war dieser Prozeß abgeschlossen.

Waräger

Wikinger, die an den baltischen Küsten landeten oder ihre Boote über die großen Ströme Rußlands lenkten, hießen dort nicht Wikinger, und auch der im Westen übliche Name Nordmanni war unbekannt. Man nannte sie Rus oder Waräger, was möglicherweise vom altnordischen „vár“= Eid, Gelübte abgeleitet ist: Die Mitglieder einer wikingischen Fahrgemeinschaft pflegten sich per Eid zu gegenseitiger Hilfeleistung zu verpflichten. Waräger wäre dann die Bezeichnung für eine Bruderschaft von Kaufleuten. Stammland dieser Händler war Schweden. Von dort hatte es bereits zur Bronzezeit Handelsverbindungen mit dem Osten gegeben, die in der Wikingerzeit intensiviert und ausgebaut wurden. Flüsse wie die Weichsel oder die westliche Dwina dienten als Handelswege. Um die Mitte des 9. Jahrhunderts erreichten die Skandinavier über den Finnischen Meerbusen und die Newa den Ladogasee, an dessen Südufer sie den Handelsplatz Alt-Ladoga (Aldeigjuborg) gründeten. Er wurde zum Ausgangsort der weiteren Erschliessung: über den Swir und den Onegasee oder über den Wolchow zu den Wolgaflüssen und auf der Wolga bis zum Kaspischen Meer, mit Anschlussmöglichkeiten (unter anderem im Handelszentrum Bolgar) an die innerasiatischen Handelsstraßen und den Verkehr mit dem Kalifat von Bagdad. Eine andere Rute führte über den Wolchow, den Ilmensee und den Lowat bis in die Nähe des Dnjeprflußsystems, das über mehrere Schleppstrecken zu erreichen war, und folgte dem Dnjepr ans Schwarze Meer und bis nach Konstantinopel, der Metropole des Byzantischen Reiches. Entlang den Wasserstraßen schufen sich die Waräger Stützpunkte in Rurikowo Gorodische (später von Nowgorod abgelöst), in Gnezdowo bei Smolensk, in Kiew und auf der Insel Beresani im Dnjeprdelta. Eine ausgedehntere Landnahme fand nicht statt, die Waräger waren auch weniger an Unterwerfung oder Verdrängung der Einheimischen interessiert als am Handel. Dennoch blieben Kampfhandlungen nicht aus: Am Unterlauf des Dnjepr zum Beispiel mußten sich Händler regelmäßig gegen Überfälle der dort ansässigen Petschenegen wehren, und mit Byzanz stand das Handelsimperium von Kiew häufiger auf dem Kriegsfuß – es kam zu Flottenaktionen der Waräger gegen Konstantinopel, sogar zu versuchten Belagerungen der Metropole. Die kriegerische Tüchtigkeit der Nordleute machte Eindruck auf die Byzantiner, in der 2. Hälfte des 10. Jahrhunderts kam es dahin, daß sie die Skandinavier als Söldner in Dienst nahmen. Die Warägergarde gewann bald ruhm als Eliteformation. – Über die Rolle der Waräger als Staatsgründer ist lange debattiert worden. In sowjetischer Zeit wollte man lange nicht zugeben, daß Ausländer an der Entstehung des russischen Staates beteiligt gewesen sein könnten. Ausgrabungen der jüngsten Zeit haben allerdings genügend Nachweise über Ausdehnung und Bedeutung der Warägersiedlungen in Rußland erbracht, so daß zumindest eine Mitwirkung der handeltreibenden skandinavischen Oberschicht an den Staatsbildungsprozessen angenommen werden muß. Das gilt für die Herrschaft der Rurikiden (Nachkommen des legendären Gründers Rurik) in Nowgorod ebenso wie für das Reich der Kiewer Rus, das als Keimzelle des heutigen Rußland angesehen wird.

Warägergarde

Als König Louis Philippe von Frankreich 1831 die Fremdenlegion ins Leben rief, erfand er keineswegs etwas neues. Das Prinzip, eine Truppe aus Nichtlandeskindern aufzustellen, gab es schon lange. Herrscher, die Zweifel hatten, ob ihre Untertanen sich für sie schlagen würden, und mit Meutereien oder Verschwörungen rechnen mußten, umgaben sich mit Leibwachen, die irgendwo in der Ferne, möglichst in einem ganz anderen Kulturkreis, rekrutiert worden waren, keine Verbindung zu den Einheimischen besaßen und nur ihrem Herrn ergeben waren. Bekannt sind aus der Zeit der Osmanen die Janitscharen, geraubte oder angekaufte Christenkinder, die von den muslimischen Sultanen als Elitesoldaten gehalten wurden. Ähnlich verhielt es sich mit den Mamelucken, den Militärsklaven, die in der Zeit der Kreuzzüge in Ägypten oder Syrien dienten und eigentlich im Kaukasus oder in der russischen Steppe zu Hause waren. Der Stauferkaiser Friedrich II. (1212-1250) kopierte das System, indem er sich als Leibwächter arabische Sarazenen hielt, die in einer eigenen Militärkolonie(Lucera,Apulien) abgeschottet von der Umgebung lebten. Nicht anders waren schon im 10. Jahrhundert die Kaiser von Ostrom verfahren: Sie engagierten Söldner skandinavischer Herkunft. Die Warägergarde fungierte als Leibwache am Hof in Konstantinopel und bewährte sich bei Kriegseinsätzen gegen Bulgaren und Araber – und sogar gegen andere Nordleute. Als die Normannen sich anschickten, die Byzantiner aus Süditalien zu vertreiben, traten ihnen 1017/1018 bei Bari und Trani die Waräger entgegen – Wikinger kämpften gegen Wikinger-Nachfahren. Ihren heimatlichen Sitten blieben die Legionäre auch in der Fremde treu. So ließen sie es sich nicht nehmen, alljährlich lärmende Julfeste im Kaiserpalast zu feiern. Berühmtester Warägergarden-Kommandeur war Harald der Harte, später König von Norwegen. Die Truppe, zu der seit der Schlacht von Hastings vermehrt Angelsachsen stießen, die den Normannen hatten weichen müssen, erfuhr um 1103 eine skandinavische Auffrischung durch die Mannen des Norwegerkönigs Sigurd I., genannt „Jórsalafari“ (Jerusalemfahrer), der bei der Rückkehr aus dem Heiligen Land den Weg über Land nahm. Ihren letzten Kampf kämpften die Waräger 1204 bei der Verteidigung Konstantinopels gegen das von den Venetianern angeführte Kreuzfahrerheer.

Holzschnitzerei

Zum handwerklichen Geschick, das dem Wikinger nachgesagt wird, gehörte sicher auch der fachmännische Umgang mit dem Schnitzmesser. Die langen Aufenthalte in den Häusern, wenn draußen nichts zu tun war, die Mußezeit auf See, wenn der Wind ausblieb, werden genug Gelegenheiten geboten haben, die Holzschnitzkunst zu üben. Funde belegen, daß selbst Dinge des täglichen Gebrauchs, wie Löffel oder Schüsseln aus Holz, mit Schnitzereien verziert wurden. Auch Holzspielzeug – Modellschiffe, Miniaturwaffen, Spielzeugtiere – wurde von den Archäologen entdeckt. In den Wohnstätten dürften sich große Schnitzarbeiten befunden haben, in der Überlieferung ist von besonders ausgestalteten, mit Götterbildern geschmückten Hochsitzpfeilern die Rede. Die Laxartal-Saga gibt die Beschreibung eines Hauses, dessen Inneres offenbar über und über mit Schnitzereien bedeckt ist, so das weiterer Wandschmuck nicht mehr nötig scheint: „Auf der Wandtäfelung und auch auf der hölzernen Dachverkleidung waren berühmte Geschichten bildlich dargestellt. Das war so kunstvoll ausgeführt, daß der Raum viel prächtiger erschien, wenn keine Teppiche aufgehängt waren.“ Einen Begriff davon, zu welcher Höhe sich wikingische Holzschnitzkunst aufschwingen konnte, gibt der Fund von Oseberg: Im Lehm des Hügelgrabes blieb nicht nur ein Schiff weitgehend erhalten, sondern auch die Beigaben aus Holz: ein Prunkschlitten, ein Wagen und vier gebogene Tierkopfpfosten, und alles, auch Teile des Schiffes, bedeckte eine Flut von edelsten Schnitzereien. Man hat charakteristische Unterschiede an diesen offenbar aus mehreren Jahrzehnten stammenden Werken ausmachen können (sie entstanden zwischen dem Ende des 8. Jahrhunderts und 834, als die Grabkammer erbaut wurde) und sie einzelnen Künstlern zugeschrieben. Die Arbeiten eines konservativen „Akademikers“ stehen so neben denen eines „Karolingers“ und eines „Barockmeisters“. ...

Teppich von Bayeux

Als erster Comic wird er gerne apostrophiert: Der Teppich von Bayeux, circa 50 Zentimeter hoch, aber 70 Meter lang, erzählt in sorgfältig komponierten Bildern die Geschichte von der Überfahrt der Normannen nach England und ihrem Sieg in der Schlacht von Hastings 1066. In der Kunstgeschichte steht dieses Werk einzig da, seine Sticktechnik mag seinerseits in Nordeuropa verbreitet gewesen sein, nur ist nichts in solchem Format erhalten. Auftraggeber war vermutlich Bischof Odo von Bayeux (Normandie), dem es darauf ankam, die Rolle, die die Reliquien von Bayeux in dem Geschehen spielten (der englische König Harald Godwinsson hat einen Lehnseid gegen den Normannenherzog Wilhelm auf die Reliquien von Bayeux geschworen; sein Bruch ist der Anlaß für Wilhelms Invasion), für alle Zeiten festzuhalten. Der Teppich, geschaffen noch vor Ende des 11. Jahrhunderts, überstand Kriegsereignisse und religiöse Wirren, Brände und Plünderungen. Nur während der französischen Revolution wäre er um ein Haar zu Planen für die Transportkarren der Freiwilligenarmee verarbeitet worden; einem Kunstliebhaber gelang es im letzten Moment, Ersatzmaterial aufzutreiben, aus dem Regendächer angefertigt werden konnten. – Für die Wikingerzeit liefert der Teppich wertvollstes Anschauungsmaterial. Waffen, Geräte, Trachten sind präzise wiedergegeben, die Archäologie hat ihre Funde in vielen Fällen mit den Abbildungen des Teppichs vergleichen können. Man erkennt auch den Betrieb auf einer Werft, Details des Schiffbaus wie etwa die Bearbeitung der Planken mit speziellen Äxten, die Verladung von Pferden und Kriegsmaterial und anderes mehr...

Danewerk

Beim Dorf Danewerk südwestlich von Schleswig sind heute noch ausgedehnte Wallanlagen zu besichtigen, Reste einer Befestigung, die einst vom Hafen Haithabu an der Schlei über 30 Kilometer bis Hollingstedt an der Treene reichte. Begonnen schon im 8. Jahrhundert und bis ins 12. Jahrhundert immer weiter ausgebaut, bildete das Danewerk eine Grenzwehr gegen das Frankenreich bzw. das Reich der deutschen Kaiser und Könige. Gleichzeitig schützte es die Handelswege, die über die jütländische Halbinsel sowohl in Nord- und Süd- als auch in Ost- und West- Richtung führten. Dem zumeist sumpfigen Gelände angepaßt, bestand das Danewerk zumeist aus Erdwällen mit Palisadenfronten und Vorgräben. Nachdem es lange im Dornröschenschlaf gelegen hatte, wurde das Danewerk im 19. Jahrhundert kurzfristig wieder in Betrieb genommen. Hastig modernisiert, sollte es den Angriff der verbündeten Preußen und Österreicher im Krieg von 1864 aufhalten, aber ehe es dazu kam, ließ der dänische Oberbefehlshaber angesichts eines Umgehungsmanövers der Feinde die Festung räumen. Im Zweiten Weltkrieg planten deutsche Militärs, das Danewerk sozusagen umzudrehen und als Verteidigungsanlage gegen einen Angriff der Alliierten von Norden aus – nach einer angenommenen Landung in Jütland – auszubauen. Aber der Gedanke, daß dabei ein Denkmal aus der nordischen Heldenzeit zerstört würde, ließ die Führung von dem Vorhaben wieder Abstand nehmen.

Tod und Töten

„Mir aber, acht` ich, bei meiner Geburt / Hat beschieden das Schicksal, / Kriege zu suchen, im Kriege zu sterben, / Den Kampf zu erwecken, / Stets in den Waffen zu wachen, / Ein Leben im Blute zu führen ...“ Das ist eine Wikingerdichtung, überliefert vom dänischen Geschichtsschreiber Saxo Grammaticus. Man könnte danach meinen, daß die Nordleute davon besessen wären, zu töten beziehungsweise sich töten zu lassen. Damit wird man ihnen allerdings kaum gerecht. Zwar handelt ihre Dichtung, zumal die Heldenlieder der „Edda“ und die Sagas, ausgesprochen oft von Tod und Töten, aber nicht in dem Sinn, daß irgendwer Spaß daran hat. Zweckfreie Mordlust findet sich allenfalls bei den Berserkern, aber das waren Leute mit mentalen Defekten. Die Wikinger töteten, wenn es sein musste – also wenn er auf Kriegsfahrt war, wenn er physisch angegriffen wurde oder wenn seine Ehre oder die seiner Familie auf dem Spiel stand -, und trug, wenn es denn soweit war, auch weiter keine Bedenken, kräftig dreinzuschlagen. Und sofern er die Regeln einhielt, also dem Opfer ankündigte, was ihm zugedacht war, die Tat bei Tage beging und sie anschließend öffentlich machte, brauchte er sich auch kein schlechtes Gewissen zu machen, da es sich dann immer um Totschlag handelte, für den es Sühnemaßnahmen gab. Nur der feige Mord, hinterrücks bei Nacht und Nebel begangen, stellte den Täter außerhalb der Gesellschaft. Ebenso unbedenklich vermochte der Wikinger sein eigenes Leben dranzugeben. Ein Schicksal, das ihm bestimmt war, nahm er stoisch und gleichmütig auf sich. Wenn der Tod sich nahte, zeigte er Haltung; besser, im Kampf zu fallen, als vom elenden „Strohtod“ daheim im Bett weggerafft zu werden. Bis dahin aber hatte es immer noch gute Weile. Die Empfehlungen, die die „Hávamàl“ bereithalten, beschäftigten sich dann auch viel mehr mit dem Überleben als mit dem Sterben: Rechne stets mit einem Hinterhalt, halte deine Waffen in Bereitschaft, rede nicht zuviel, halte lieber Augen und Ohren offen, benutze deinen Witz, so lauten ihre höchst realistischen Ratschläge, denn: „Der Tote nützt zu nichts.“